Moderne Arbeitswelten

MINT-Fächer: Java oder Yoga? Das eine schließt das andere bei uns Mädchen nicht aus!

Müssen Frauen auf dem Weg zum MINT-Beruf besonders gefördert werden, um gegenüber der prozentualen Mehrheit der Männer zu bestehen?

Ich studiere Wirtschaftsingenieurwesen im Master an der Technischen Universität in Ilmenau. Als ich hier meinen Bachelor begann, gab es in meiner Studienrichtung (Vertiefungsrichtung Elektrotechnik) im ersten Semester drei Frauen und etwa 50 Männer. Bei sechs Prozent Frauenanteil in einem Ingenieurstudiengang stellt sich die Frage: Müssen Mädchen speziell gefördert werden, um in einem MINT-Studium überhaupt eine Chance gegen die Überzahl der männlichen Kommilitonen zu haben?

In den letzten Jahren stieg die Zahl der MINT-Studentinnen immer weiter an. Waren es im Jahr 2000 noch 21 Prozent der Studentinnen, die sich für ein MINT-Studium entschieden haben, sind es 2014 immerhin schon 26 Prozent (zum Vergleich: bei den Männern sind es 54 Prozent). Dies spiegelt sich auch an meiner Universität wider: etwa 27 Prozent beträgt hier der Anteil der Studentinnen.

In den Medien oder auf schulischen und akademischen Informationsveranstaltungen wird viel über MINT-Studiengänge für Mädchen berichtet. Es stellt sich aber die Frage, wie sie für ein solches Studium begeistert und gefördert werden können. Rückwirkend betrachtet glaube ich, dass wir MINT-Mädels eigentlich nur in zwei Phasen eine wirkliche Hilfe benötigen: Erstens bei der Auswahl eines geeigneten Studiums und zweitens beim Einstieg ins Berufsleben. Und diese Hilfe sollte weniger eine Förderung, sondern eher ein stärkeres Coaching sein. Denn die Wahl des Studienfachs und der spätere Einstieg in den Beruf werden immer noch stark von (eigenen) Vorurteilen beeinflusst.

Von der Schule ins MINT-Studium

Irgendwann in der Oberstufe taucht sie auf −diese unvermeidliche, meist von Eltern, Freunden und Lehrern gestellte Frage: „Weißt du eigentlich schon, was du studieren willst?“ Bezeichnenderweise wissen viele Schüler zu diesem Zeitpunkt weniger, was sie studieren wollen, sondern eher was sie NICHT studieren wollen. Oder es geht in eine vage Richtung wie: „… irgendwas mit Sprachen oder Medien …“.

Dazu kommen unzählige Tipps für „sichere, anständige und zukunftsträchtige Berufe“ aus dem eigenen Umfeld. Außerdem gibt es Berufsbilder, von denen man in diesem Alter keine Ahnung hat − trotz Zugang zu vielen Informationsquellen. Man ist dankbar für Anregungen wie Girls‘ Days, Schnupperpraktika oder Studienberatungen, aber ist gleichzeitig durch diese vielen Informationsquellen über Studiengänge überfordert.

Dabei ist es einfach, Schüler für ein Studium zu begeistern. Am meisten überzeugt haben mich Tutoren aus den jeweiligen Studiengängen oder Doktoranden, die an der Schule oder bei einem Tag der offenen Tür vor Ort referiert haben. Denn vielen Mädchen ist in diesem Alter gar nicht bewusst, welche Möglichkeiten die verschiedenen Studiengänge bieten. Sie sind zu stark auf die bekannten Berufsbilder fixiert und müssen eine wichtige Entscheidung für ihre Zukunft treffen.

Die passende Studienwahl 

Dumm wird es nur, wenn einem bei der Studienwahl die eigenen Vorurteile im Weg stehen und man entsprechend dieser Vorurteile Entscheidungen fällt. In der Schule schätzen sich viele Mädchen falsch ein und ziehen selbst bei besten Noten in Mathematik und Naturwissenschaften kein MINT-Studium in Betracht. Ein Junge würde auch mit durchschnittlichen Noten − ohne zu zögern − ein MINT-Fach wählen.

In meinem Abiturjahrgang fiel mir auf, dass nur knapp zehn Prozent der Mädchen ein Studium im MINT-Bereich angestrebt haben. Ein Lehramtsstudium dagegen traten viele an. Auf Nachfragen meinerseits trauten sich viele ein MINT-Studium schlichtweg nicht zu − trotz guter und sehr guter Noten in Mathematik, Informatik und den Naturwissenschaften. Hier gibt es einen großen Informationsbedarf, um Vorurteile abzubauen, das technische Selbstbewusstsein zu stärken und die Mädchen für MINT-Studiengänge zu interessieren.

Neben den bekannten technischen Studienrichtungen wie Mathematik, Informatik oder Maschinenbau gibt es auch eine Vielzahl sehr interessanter, aber weitgehend unbekannter Studiengänge, beispielsweise Medientechnik, biomedizinische Technik, technische Kybernetik oder elektrische Energietechnik.

Durch solche breitgefächerten Studiengänge, die nicht nur MINT-lastig sind (wie beispielsweise Wirtschaftsingenieurswesen), wird vielleicht die „Angst“ vor MINT und Technischen Universitäten genommen. Hierzu liefern die Universitäten und die Industrie bereits viele Informationen, welche die Schüler aber nicht immer erreichen. Einige Abiturientinnen ergreifen selbst die Initiative und besuchen beispielsweise Uni-Einstiegsmessen. Um alle zu erreichen wäre es die beste Lösung, die Informationen direkt über die Gymnasien zu liefern.

Vorteile für MINT-Studentinnen

Während des Studiums muss man sich um uns MINT-Studentinnen keine Sorgen machen, wir kommen super klar. Wenn sich Mädchen für ein MINT-Studium entschieden haben, dann verfolgen sie das Studium oft ehrgeiziger und zielgerichteter als ihre männlichen Kommilitonen.

Und Mädchen haben sogar noch Vorteile:

  • • Mädchen wagen sich meist nur mit sehr guten naturwissenschaftlichen Schulnoten in ein MINT-Studium, das schafft eine perfekte Grundlage. Seit Anfang des Studiums gebe ich zum Beispiel anderen (überwiegend sogar männlichen) Kommilitonen Nachhilfe in Mathematik.
  • • Wir brauchen keine starke Ausprägung „männlicher“ Eigenschaften, um uns zu behaupten, sondern kommen gut zurecht, werden akzeptiert und lernen den Nutzen gemischter Teams zu verstehen.
  • • Der hohe Männeranteil im Studium schult bei Frauen die Durchsetzungsfähigkeit. Das ist prägend für das Selbstbewusstsein und vorteilhaft für das spätere Berufsleben.

Als MINT-Studentin erfahre ich keine genderspezifischen Nachteile, es verläuft alles ganz normal. Wenn man Unterstützung im Studium benötigt, helfen wir uns gegenseitig, beispielsweise in Lerngruppen. Im Großen und Ganzen sind das Helfen und das Sich-helfen-lassen gut ausgewogen.

In meinem Wirtschaftsingenieur-Studium mit über 90 Prozent Männeranteil hatte ich als Frau bisher also nie das Bedürfnis nach gezielter Förderung. Wir MINT-Studentinnen müssen entgegen der vorherrschenden Meinung nicht besonders gefördert werden und sind meist organisierter und ehrgeiziger als die Männer. Allerdings wäre aber ein spezielles Coaching für den Einstieg in den Beruf wünschenswert.

Die Weichen in Richtung Berufseinstieg stellen

Gegen Ende des Studiums wiederholt sich die Situation von nach dem Abitur. Die konkrete Frage lautet nun „Was machst du denn nach deinem Studium?“ Dies ist der zweite Zeitpunkt an dem wir uns ein Coaching wünschen: Der Einstieg in das Berufsleben. Männer in die Technik, Frauen in den Kundendienst − nach dem Studium werden Frauen oft für sogenannte weibliche Bereiche vorgesehen. Hier wünschen sich Berufseinsteiger einen guten Einblick in andere mögliche Arbeitsbereiche. Für Unternehmen ist dies eine gute Gelegenheit, sich direkt an MINT-Studentinnen zu wenden, um die richtigen Weichen für den weiteren Werdegang zu stellen.

„Frauen müssen nicht gefördert werden“, mit dieser Headline zitierte die Wirtschaftswoche Martina Koederitz 2016. Dem kann ich aus Uni-Sicht nur zustimmen: Frauen zu fördern, weil sie Frauen sind, bringt nichts. Wir benötigen weniger eine Förderung beim Studieren oder Arbeiten, sondern vielmehr eine Unterstützung, um die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Rückblickend gesehen passt das IBM-Motto „Outthink your Limits“ also perfekt als Anregung für uns MINT-Studentinnen, sowohl bei der Wahl des Studiums als auch bei der Berufswahl. Mädchen, traut euch mehr zu!

MINTpicintext

Schülerinnen ist oft nicht bewusst, welche beruflichen Möglichkeiten die verschiedenen MINT-Studiengänge bieten.

Veranstaltungen von IBM rund um das Thema Frauen in IT-Berufen

Am 27. April 2017 lädt die IBM interessierte Mädchen wieder an zahlreichen Standorten zum Girl’s Day ein. Teilnehmerinnen haben hier die Gelegenheit, eines der weltweit größten IT-Unternehmen hautnah kennenzulernen und sich über zahlreiche Ausbildungsmöglichkeiten zu informieren. Außerdem stehen spannende aktuelle IT-Themen auf der Agenda, wie Social Media, Messenger-Dienste und der Schutz vor Smartphone-Viren. Wenn ihr Spaß und Interesse an Computertechnik und Informationswissenschaften habt oder einfach neugierig seid und mehr darüber erfahren wollt, dann schaut, ob wir in eurer Heimatstadt oder Umgebung einen Girl’s Day anbieten. Infos dazu gibt es unter diesem Link.

Wie erfolgreich Mädchen und Frauen in Zeiten der Digitalisierung in einem IT-Beruf sein können, diskutieren wir am 21. März 2017 um 14 und 15 Uhr auf der Messe CeBIT in Hannover (Discovery Stage auf dem IBM Messestand). Hier veranstaltet die IBM zwei 15-minütige Diskussionen zum Thema Chancengleichheit von Frauen in Führungspositionen mit Sprecherinnen und Sprechern aus Wirtschaft und dem öffentlichen Sektor. Als weibliche Führungskräfte der IBM werden Martina Koederitz, General Manager IBM Germany, Austria, Switzerland (DACH) und Patricia Neumann, Vice President Systems Hardware Sales IBM DACH, teilnehmen.

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