Nachhaltigkeit

2020 kann zum Jahrzehnt der Nachhaltigkeit werden – wenn wir neue Technologien einsetzen

Geht es um Nachhaltigkeit, steht der Einzelhandel bei den Verbrauchern in einem besonderen Fokus. Sie erwarten mehr Informationen über die Lebensmittel auf ihrem Teller oder die Kleidung in ihrem Schrank – als Beweis für nachhaltige Praktiken in der Produktion, Gesundheits- und Ernährungseigenschaften und Authentizität. Wer solche Informationen heute nicht liefern kann, verliert Vertrauen – wer es morgen nicht kann, verliert Kunden. Die Branche braucht jede Unterstützung, die sie bekommen kann. Damit werden neue Technologien wie Blockchain, Cloud, IoT oder Sensorik immer wichtiger.

Wir sind Zeugen eines seismischen Wandels, der die Einstellung der Verbraucher zum Kauf von Produkten jeder Art betrifft. In Europa gibt es mehr denn je ein Bewusstsein für die Herkunft von Lebensmitteln, für nachhaltige Produktion und kluge Kaufentscheidungen. Erfüllt der Einzelhandel die sich daraus ergebenden Erwartungen nicht, bekommt er die Auswirkungen zu spüren. Die Verbraucher beginnen, bei Einzelhändlern und Marken mit ethischeren oder nachhaltigeren Praktiken einzukaufen.

Spätestens damit ist klar, dass nachhaltiges Wirtschaften nicht länger eine Domäne von ethischen Nischenmarken wie LUSH oder The Body Shop sein kann. Unternehmen wie Unilever, Tchibo und Ikea betrachten Nachhaltigkeit nicht als zweitrangigen Aspekt ihrer sozialen Verantwortung, sondern als grundlegend für ihren künftigen wirtschaftlichen Erfolg. Sie haben begriffen, dass man Produkte, Prozesse und Lieferketten umstellen muss. Der spanische Mode-Gigant Zara will bis 2025 zu 100 Prozent nachhaltige Mode produzieren. Die Büroräume, die Fabriken und Ladengeschäfte sollen zu 80 Prozent mit erneuerbaren Energien versorgt werden. Und wer dank nachhaltiger Projekte gute Geschichten erzählen kann, punktet bei den Verbrauchern.

Nachhaltiger-Handel

Die positive Nachricht für Unternehmen, die gute Geschichten erzählen wollen, ist: Sie haben die Technologie auf ihrer Seite. Die Weiterentwicklung von Technologien wie Künstliche Intelligenz (KI) und Blockchain schafft die Basis für nachhaltige Projekte und gibt den Unternehmen die Gewissheit, dass ihre Aktivitäten auch externen Überprüfungen standhalten. Diese Technologien schaffen eine neue Ära der Transparenz, in der sie Vertrauen auf- und ausbauen können.

Nachhaltigere Praktiken mit Technologie vorantreiben

Beispiel Blockchain: Nach einer Phase des Hypes, in der die Technologie für viele Unternehmen immer noch zu wenig greifbar war, ist die Blockchain inzwischen in der Realität angekommen und hat sich an vielen Stellen und in zahlreichen Industrien durch konkreten Einsatz bewährt. Mit einer Blockchain-Lösung lässt sich beispielsweise eine lückenlose Rückverfolgbarkeit in der Lieferkette erreichen, um schnell und effektiv auf Produktrückrufe reagieren oder bessere Retouren-Vorhersagen treffen zu können. Integriert man eine weitere Technologie wie das Internet der Dinge (IoT), können Unternehmen zudem Daten über Ernteerträge, Lagerbestände, Produktqualität und Wettervorhersagen erfassen. Das ermöglicht es, den Einsatz von Ressourcen besser zu steuern, Nachfragen vorherzusagen oder Lagerbedingungen zu optimieren und so unter anderem Lebensmittelverschwendung zu minimieren, da die Unternehmen weniger Sicherheitsbestände vorhalten müssen.

Auch auf landwirtschaftlicher Seite werden neue Technologien eingesetzt, zum Beispiel um nachhaltigere Praktiken voranzutreiben. Ein Beispiel dafür ist die Zusammenarbeit von IBM und dem norwegischen Unternehmen Yara: Auf einer digitalen Landwirtschafts-Plattform helfen Erkenntnisse aus dem Zusammenspiel von KI, maschinellem Lernen und Felddaten Landwirten weltweit bei der Prozessoptimierung.

Nachhaltiger-Handel-Feld

KI-gestützte Informationen unterstützen Landwirte auch in einem weiteren Projekt von IBM. Mit dem AgroPad, einem Gerät auf Papierbasis, können Landwirte Boden- und Wasserproben innerhalb von wenigen Sekunden analysieren. Nachhaltigkeit auf Basis von Blockchain-Technologie bietet das Schweizer Unternehmen Farmer Connect. Über die gemeinsam mit IBM entwickelte App „Thank My Farmer“ erfahren Kaffeetrinker durch den QR-Code auf der Packung unter anderem, welche Bauern oder Kooperativen die Kaffeebohnen dafür angebaut haben und ob es in der Anbauregion Nachhaltigkeitsprojekte gibt, die sie unterstützen können. Fabian Portmann, CTO bei Farmer Connect, sagt: „Mit Farmer Connect gehen wir einen wichtigen weiteren Schritt zu mehr Transparenz für die Verbraucher, indem wir einen Ende-zu-Ende-Ansatz verfolgen. Wir verbinden die verschiedenen Akteure in der Lieferkette, um dann für alle Beteiligten entsprechende Mehrwerte zu schaffen“.

Nachhaltigkeit ist keine Modeerscheinung

Der Wunsch der Verbraucher nach Transparenz und Nachhaltigkeit wird immer deutlicher und es ist klar, dass dieser Wunsch kein saisonaler Trend ist. Das sehen auch immer mehr Unternehmen in der Modebranche so und begreifen Transparenz als wichtiges Markenelement. Das zeigen zum Beispiel Initiativen wie „Who made my clothes“, über die nachvollzogen werden kann, woher ein T-Shirt kommt, wer es hergestellt hat, unter welchen Umweltaspekten, Arbeitsbedingungen und mit welchen Inhaltsstoffen. Max Gilgenmann, Mitinhaber der Beratungsagentur Kaleidoscope Berlin und unter anderem Content Director Neonyt – dem größten Tradehub für nachhaltigere Mode – sieht seine Branche im Umbruch: „Im Modebereich wird es beim Thema Transparenz noch spannende Diskussionen zwischen Modemarken, Zulieferern und Anbietern digitaler Technologien geben. Die Marken und Zulieferer müssen für sich die Frage klären, wie sie die Balance schaffen, um allen Akteuren das richtige Maß an Transparenz zu bieten“.

Diese Beispiele zeigen, wie Nachhaltigkeit konkret umgesetzt werden kann. Etwas, dass wir uns in Deutschland selbst auf höchster Ebene auf die Fahnen geschrieben haben. Leider fehlt es uns aber oft noch an ganz grundsätzlichen Voraussetzungen, nämlich einer strukturierten Digitalisierung und dem Mut, sie voranzutreiben. Bringen wir ihn nicht auf, werden uns andere den Rang ablaufen.

Auf welcher Basis kann Nachhaltigkeit für den Einzelhandel funktionieren?

Den Wandel akzeptieren
Aufrufe von hochrangigen Wirtschaftsführern zu einer dringenden Neugestaltung der globalen Industrie sollten nicht als Tugendsignal abgetan werden. Geschäftsmodelle, die den kurzfristigen Profit über die Menschen und den Planeten stellen, werden bald wirtschaftlich und sozial unrentabel sein.

Auf die Verbraucher hören
Die Entscheidungshoheit für mehr Nachhaltigkeit hat sich verschoben. Es sind nicht mehr nur die Unternehmen, die sich dafür oder dagegen entscheiden. Immer mehr Verbraucher wählen bewusst aus und geben ethischen und nachhaltigen Marken den Vorzug. Vor allem junge Menschen wollen nicht, dass ihre Einkäufe zur Zerstörung des Planeten beitragen.

Aktiv werden
Unternehmen, die innovativ sind, werden mehr treue Kunden gewinnen als diejenigen, die nur das absolut Notwendige tun. Die Verbraucher erwarten von Einzelhändlern, dass sie Maßnahmen ergreifen, um negative Auswirkungen auf die Umwelt so gering wie möglich zu halten, wie beispielsweise die Reduzierung von Einweg.

Eine nachhaltige Agenda vorantreiben
Echte Branchenführer betten Nachhaltigkeit in jeden Aspekt ihres Geschäftes ein. Sie machen sie zur Chefsache, nehmen Veränderungen an, schaffen neue KPIs, schaffen Anreize für die Mitarbeiter und verzichten auf schädliche Praktiken. Vor allem aber sind sie langfristig orientiert.

Das Potential der neuen Technologien freisetzen
Technologien wie Blockchain und KI verändern die Fähigkeit von Unternehmen, Effizienz und Nachhaltigkeit zu verbinden. Sie steigern beispielsweise innerhalb einer Lieferkette nicht nur Effizienz und Leistung, sondern liefern gleichzeitig die Daten, die eine vollständige Rückverfolgung möglich und Nachhaltigkeit transparent machen.

Partner einbeziehen
Für den Handel gilt: Ein Unternehmen ist nur so nachhaltig, wie die einzelnen Glieder seiner Lieferkette. Mit Partnern, die den gleichen Ethos vertreten und an langfristigen Beziehungen interessiert sind, lässt sich eine für beide Seiten vorteilhafte Zusammenarbeit aufbauen.

Nachhaltigkeit vermarkten
Tue Gutes und sprich‘ darüber! Innovative Unternehmen bauen ihre Nachhaltigkeitsgeschichte zunehmend in die Kundenkommunikation ein. Erfolgreich sind sie damit, wenn sie dabei authentisch bleiben und ihre Behauptungen mit tatsächlichen Beweisen für verantwortungsbewusstes Handeln untermauern können.

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Susi Eisele

Herzlichen Dank für den super spannenden Blog-Eintrag!

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