Innovation

„Der Wilde Westen des Software-Designs ist vorbei“

Das Software-Design ist die Grundlage für die Entwicklung einer Software-Lösung. Die wirtschaftliche Relevanz eines guten Designs war dem zweiten IBM Präsidenten Thomas J. Watson Jr. schon Anfang der 1950er Jahre klar: „Good design is good business“, erklärte er.

IBM Design hat sich vor einigen Jahren die Freiheit genommen, den Satz leicht abzuwandeln: „We believe human experience drive business.“ Was vor beinah 70 Jahren primär eine Aussage zu Form und Gestaltung von klobigen Computern, neuen Schriftarten oder architektonisch kühnen Gebäuden war, ist heute auch und vor allem Software-orientiert. Die Leser gesetzten Alters erinnern sich vermutlich noch mit nostalgischen Schrecken an schwarze Benutzeroberflächen mit grüner oder weißer Schrift oder den ersten Klicks mit einer Computermaus auf grau hinterlegten Bildschirmen. Heute kann man mit gutem Software-Design Geschäft machen – und sogar Preise gewinnen.

Zum zweiten Mal in Folge wurde vor einigen Wochen ein Team von IBM Designern mit dem renommierten Red Dot Award ausgezeichnet. Der Red Dot Award gilt als einer der angesehensten Designpreise der Welt und sah dieses Jahr 8.600 Einreichungen aus 45 Ländern.

Letztes Jahr gab es bereits Lorbeeren für das User Interface Design von Data Science Experience, einer Cloud-basierten Kollaborationsplattform für Datenexperten.

In diesem Jahr hat ein Dutzend Experten und Praktikanten aus dem deutschen Design Team in Böblingen bei Stuttgart eine Jahrzehnte alte Software komplett überarbeitet – SPSS Statistics. Dabei handelt es sich um eines der weltweit am weitesten verbreiteten Datenanalysetools.

Eva Cochet-Weinandt, Dirk Willuhn und Dimitri Hoffmann beschreiben stellvertretend für das Team im folgenden Interview ihren Ansatz, um aus etwas Etablierten etwas aufregend Neues zu machen.

Für jemanden, der mit dem Thema nicht vertraut ist: Was sind die Zutaten für gutes Industrie- und insbesondere Software-Design?

Der IBM Enterprise Design Thinking-Ansatz bietet einen Rahmen, um gutes Design auf effektive und effiziente Weise zu erstellen und zu liefern.

Einige der Kernelemente sind:

  1. Interaktion mit realen Anwendern und Einbindung in das Projektteam in allen Phasen des Projekts (Sponsor Users)
  2. Fokus auf die Ergebnisse der Anwender: Was brauchen die Anwender, um ihre Aufgaben zu erfüllen und ihre Ziele erfolgreich und so angenehm wie möglich zu erreichen?
  3. Definition von sogenannten Hills, die wichtige Benutzerergebnisse definieren, eine gemeinsame Vision für das gesamte Entwicklungsteam erstellen und das Projekt konsequent darauf ausrichten
  4. Zusammenstellen eines Teams aus Designern, Entwicklern und dem Produktverantwortlichen, um kontinuierlich an den Hills zu arbeiten
  5. Häufige Playbacks aller Disziplinen unter Einbeziehung der Sponsornutzer um sicherzustellen, dass das Projekt noch auf dem richtigen Weg ist, und um mögliche Fehlausrichtungen und Klärungsbedarf frühzeitig zu erkennen.
  6. Ein iterativer Ansatz, um so nutzerorientiert wie möglich das Projekt zum Abschluss zu bringen

Zusammenfassend lässt sich sagen: Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, alle Beteiligten auf dem Laufenden zu halten und durch ständige Feedbackschleifen das Ganze zu optimieren.

Besteht nicht immer die Gefahr, dass Software-Design von aktuellen und nicht nachhaltigen Trends beeinflusst wird? Wie stellt man das Gleichgewicht zwischen Benutzerfreundlichkeit und Begeisterung für etwas sicher, das vielleicht nur optisch ansprechend ist?

Unser Hauptaugenmerk liegt auf den Ergebnissen der Anwender. Von Moden muss man sich da fernhalten. Bei der Neugestaltung von IBM SPSS Statistics haben wir uns zunächst auf Studenten, Dozenten und professionelle Nutzer aus Unternehmen konzentriert. Das hat uns geholfen, eine neue Benutzererfahrung zu entwickeln, die auf das, was unsere Benutzer erreichen möchten, anwendbar ist. Unser Ziel war es, ein leistungsstarkes Tool zu entwickeln, das nicht nur einfach und intuitiv zu bedienen ist, sondern auch unseren Nutzern Freude macht.

Können Sie beschreiben, wie das Benutzerfeedback in das nächste Design eines Produkts oder einer Lösung eingearbeitet wird?

Ständiges und kontinuierliches Benutzerfeedback ist wie bereits erwähnt für das Software-Design absolut entscheidend. Jede Benutzergruppe hat ihre eigenen Ziele und Bedürfnisse, die sich in den Hills jeder Veröffentlichung widerspiegeln.

Wir arbeiten mit diesen Nutzern zusammen, um ihre Nutzungsszenarien zu erforschen. Sie führen uns durch ihre aktuellen Erfahrungen mit dem Produkt und zeigen, was für sie gut funktioniert und wo sie auf Unstimmigkeiten oder Probleme stoßen. Diese bilden die Grundlage für unsere Konzepte. Sobald wir sogenannte Low-Fidelity-Wireframes oder Rapid Prototypes haben, werden diese Nutzern vorgestellt und von ihnen bewertet. Das Feedback führt in der Regel zu Design-Änderungen. Also beginnen wir mit der nächsten Iteration eines verfeinerten Konzepts und der nächsten Feedbackrunde, bis wir sicher sind, dass die neue Erfahrung ihre Ziele erreicht.

Sobald der Beta-Code verfügbar ist, werden 100 bis 200 Teilnehmer eingeladen, das Produkt zu testen. Wir führen detaillierte Usability-Tests durch, um sicherzustellen, dass Benutzer ihre Aufgabe mit dem Produkt auf einfache und angenehme Weise erfolgreich abschließen können.

Benutzer können uns auch jederzeit während der Arbeit mit dem Produkt über Onlineformulare Rückmeldung geben. Darüber hinaus ist das durch einen Net Promoter Score gesammelte Feedback ein weiterer Kanal, den wir ständig beobachten und in die Planungen für den nächsten Release einfließen lassen.

Software-Design

Lasst uns über das Geschäftliche reden: Wie messen Sie den Erfolg von IBM Design?

Das Maß aller Dinge ist, wie gut unsere Designs von den Anwendern akzeptiert werden. Die Erkenntnisse aus dem Entwicklungs- und Post-Release-Feedback zeigen uns, wie erfolgreich unsere aktuelle Lösung ist und was für die folgenden Releases berücksichtigt und priorisiert werden muss. Auf der Geschäftsseite spiegelt sich der Erfolg des Designs in KPIs wider, wie der Anzahl der neuen Testbenutzer, der Konversionsrate von Testversion zu Kauf und der Anzahl der bezahlten Lizenzen. Die ersten Zahlen für das neue SPSS Statistics UI sehen vielversprechend aus.

Was ist mit Auszeichnungen? Sind sie auch Teil Ihrer KPIs?

Auszeichnungen sind natürlich eine gute Möglichkeit, unsere Arbeit zu würdigen. Es ist, als würde man einen Oscar gewinnen. Und es zeigt, dass das Team auf dem richtigen Weg ist.

Eine viel größere Belohnung für Designer sind aber die positiven Zitate, die sie von echten Nutzern hören. Design dient den Bedürfnissen der Benutzer, das darf man nie vergessen! Zu erfahren, dass unsere Entscheidungen echten Einfluss auf den Arbeitsalltag von Menschen haben, ist für uns der ultimative „Kick“.

Nehmen wir SPSS Statistics als eine prämierte Software: Was machte sie preiswürdig?

Wir standen vor der Herausforderung, eine 50-jährige, weltweit bekannte Statistik-Software anzupacken, die in einer Vielzahl von Branchen und von über 250 Organisationen aus Wissenschaft, Marktforschung, und Consulting eingesetzt wird. Selbst in einigen staatlichen Stellen ist sie im Einsatz.

Wir haben komplett von vorne angefangen. Ein Produkt von solcher Komplexität und Funktionsfülle mit über 800 Fenstern und Dialogen neu zu gestalten, ist keine einfache Aufgabe. Neben einem grundlegenden Verständnis über das notwendige Design selbst bestand eine weitere Herausforderung darin, einen Ansatz zu finden, der die etablierten Methoden, mit denen langjährige Anwender das bestehende Produkt nutzen, mit neuen und verbesserten Erfahrungen ergänzt. Man wirft ja nicht einfach alles über den Haufen, sondern muss das Redesign so gestalten, dass der Nutzer nicht alles von vorne lernen muss.

Die neuen Designs konzentrieren sich auf die Vereinfachung von Workflows, die Reduzierung der Gesamtkomplexität der Benutzeroberfläche sowie der Interaktionen und bieten Anfängern ein einfaches Onboarding sowohl in statistische Konzepte als auch in das Produkt selbst. Wir haben die Navigation vereinfacht und den Arbeitsbereich auf Basis der Benutzerrecherche neugestaltet, so dass die Benutzer iterativ arbeiten können, passend zu ihrem gewohnten Workflow.

Einer der größten Einflüsse, die das Designteam für SPSS Statistics initiieren konnte, war die Einbringung eines frischen Tons in das Produkt. Das zeigt sich auf unterschiedliche Weise, wie etwa im Look and Feel der Features und der Funktionen, was zu einer neuen Ästhetik der Anwendung führte. Wir haben zudem ein Einführungs-Tutorial für Benutzer in Form von Simon erstellt – einer freundlichen In-Application-Roboter-Persönlichkeit, die Anfänger durch verschiedene Teile der Erfahrung führt. Simon haucht der Anwendung Leben ein und erhöht die Benutzererfahrung neuer Benutzer, so dass sie sich besser in SPSS Statistics und statistischen Konzepten zurechtfinden.

Zum Schluss ein Blick nach vorne: Wie wird sich das Software-Design in den nächsten Jahren entwickeln?

Es ist ziemlich schwierig, die Zukunft vorherzusagen – insbesondere in der IT. Aber versuchen wir es einmal: Anwendungen entwickeln sich zunehmend von der Technologie – zur Benutzerbedarfsorientierung. Ein aktuelles Beispiel dafür war der Aufstieg und die Stagnation von Augmented Reality (AR). Es ist sicherlich eine erstaunliche und spannende Technologie, aber es ist noch nicht klar, welche Benutzerprobleme sie im aktuellen Zustand (zumindest für Unternehmen) lösen könnte. Derzeit wird AR hauptsächlich für Demos und im Entertainment-Bereich eingesetzt, selten jedoch für Produktionszwecke.

Der Wilde Westen des Software-Designs ist vorbei, da sich die Menschen an reizvollere Interaktionsmuster und Verhaltensweisen in ihrem Alltag gewöhnen. Die allgemeine Erwartung an ein gutes Design ist in den letzten Jahren drastisch gestiegen. Einer der Hauptgründe dafür ist die große Erfolgsgeschichte der Smartphones. Als Konsequenz sind wir Menschen nicht bereit, schlechte Entwurfsmuster zu akzeptieren, auch wenn es eben wie bei unserem Projekt um die Arbeit im statistischen Bereich geht. Nutzer stellen sich stets die folgenden Fragen: Hilft mir die Software bei der Lösung der Herausforderungen, die ich als Anwender habe? Hilft sie mir, wenn ich festsitze? Ist sie schnell und intuitiv, damit ich keine Zeit verliere? Diese Fragen werden für Verbraucher und Unternehmen zunehmend zu entscheidenden Faktoren für den Kauf und die Nutzung einer bestimmten Anwendung.

Die Verwendung von Methoden wie IBM Enterprise Design Thinking zur Entwicklung intelligenter Lösungen, die wirklich den Bedürfnissen der Benutzer entsprechen, wird der Schlüssel zu einem erfolgreichen Software-Design in den nächsten Jahren sein.

Eva-Cochet-WeinandtEva Cochet-Weinandt

Dirk-WilluhnDirk Willuhn

Dimitri-HoffmannDimitri Hoffmann

Eva, Dirk und Dimitri, wir danken Euch für das Gespräch!

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