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Registrierung im Flüchtlingslager: UNHCR nutzt digitale Identifikation

Ein bisschen sieht es aus, als wolle Baria fernsehen. Oder durch ein Fernglas schauen – allerdings mitten in einem engen Büro in Jordanien. Gerade noch ganz scheu, guckt die Siebenjährige nach den Erklärungen der UNHCR-Mitarbeiterin selbstbewusst in das Gerät. Doch nicht sie sieht, sondern der Apparat sieht; nämlich Barias Netzhaut. Das Gerät merkt sich genau die Augen des kleinen Mädchens und damit ist sie registriert: Baria, geboren 2011, aus Syrien, verzeichnet am 21. Mai 2018 in Khalda, Amman, Jordanien. Baria ist jetzt ein Flüchtling, registriert durch UNHCR, das Hohe Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen. Ein Beispiel für die digitale Identifikation.

Das klingt auf den ersten Blick seltsam. Natürlich ist Brot und ein Zelt für einen Menschen lebensnotwendig. Aber Registrierung? Ist das übertriebene Bürokratie? Datensammelwut? Eine Verschwendung von Ressourcen gar? Nein, es ist eine Notwendigkeit. Für die Helfer genauso wie für die Flüchtlinge. Wobei es nicht selten vor allem letztere sind, die auf eine Registrierung drängen.

Moment, die Flüchtlinge? Sie wollen eine Nummer in der Kartei der Vereinten Nationen werden?

Einfache Identifizierung – ein Luxus, den viele nicht kennen

Ja, weil sie einen Luxus nicht kennen, der in Deutschland und anderen westlichen Ländern selbstverständlich ist. Machen Sie den Test: Wie oft könnten Sie sich jetzt gerade identifizieren? Der Reisepass liegt vermutlich zu Hause, aber der Ausweis steckt im Portmonee, gleich dahinter der Führerschein, der IBM-Hausausweis und manchmal hat ja auch die Bahncard oder der Clubausweis ein Foto. Dann sind da noch Kredit- oder Rabattkarten, der Mitgliedsausweis und auf dem Telefon ist ja auch noch einiges. Und immer öfter kann man sich mit seinem Facebook- oder Twitter-Account oder notfalls gar dem Amazon- oder Netflix-Konto identifizieren. Es ist selbstverständlich, nichts Besonderes.

Es ist ein Luxus. Ein Luxus, den eine Milliarde Menschen nicht haben. Menschen, die für die Behörden gar nicht existieren. Die Mütter und Väter, Söhne und Töchter haben. Die vermisst und beweint würden von ihren Liebenden. Die aber der Polizei und anderen Behörden keine Mühe wert wären. Es gibt sie ja schließlich gar nicht.

Das ist der Grund, warum viele Flüchtlinge stolz sind auf ihre Registrierung von UNHCR. Sie haben – manchmal wieder, manchmal erstmals – ein Dokument. Etwas offizielles, das beweist, dass sie existieren. Dass sie nicht einfach ignoriert und beiseite gewischt werden können. Und auch, dass sie Anspruch haben auf Hilfe, auf Obdach, auf Nahrung, vielleicht sogar auf Bildung. Sollten Sie einmal in ein UNHCR-Flüchtlingslager kommen, kann es sein, dass Ihnen die Bewohner stolz ihre Papiere, Plastikkarten oder Armbänder zeigen. Und ihr Lachen wird sagen: Seht her, ich bin da!

Und natürlich muss auch UNHCR wissen, wer Hilfe braucht. Wie viele Zelte werden benötigt? Welche Krankheiten müssen behandelt werden? Sind Kinder dabei? Und vor allem: Wer leidet welche Not? UNHCR muss sicherstellen, dass die obdachlose Familie das Zelt und der Kranke die Medizin bekommt, nicht umgekehrt.

Fast alle Flüchtlingskrisen spielen sich in weniger entwickelten Ländern ab. Sieben von acht Flüchtlingen leben nicht etwa in Deutschland, Schweden oder Kanada, sondern in den ärmsten Ländern der Erde. Ja, Deutschland hat fast eine Million Flüchtlinge aufgenommen. Libanon aber auch, obwohl es nur sechs Millionen Einwohner hat, Deutschland 82. Auch Uganda beherbergt eine Million Flüchtlinge – ein Land mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 700 Dollar. Im Jahr.

Digitale Identifikation: “Auch Lebensretter retten heute digital”

Innerhalb von Tagen eine Operation aufzubauen, mit der in oft unzugänglichen Gegenden Tausende, Zehntausende Menschen versorgt werden können, ist eine logistische Meisterleistung. Dazu muss man wissen, wem man überhaupt helfen muss. Und man muss ihnen dauerhaft helfen, denn viele Flüchtlinge können über Monate oder gar Jahre nicht in ihre Heimat zurück. Und manchmal sind es sogar Jahrzehnte.

Auch Lebensretter retten heute digital. Wenn es um eine Schüssel Reis oder eine Zeltplane geht, hat sich zwar nichts Grundlegendes geändert. In der Operation dahinter aber komplett. Es ist gar nicht so lange her, da gab es keine andere Möglichkeit, als die Daumen der Flüchtlinge blau zu färben, um sie als registriert zu kennzeichnen.

Heute guckt Baria in das komische Fernglas. Und ihre Eltern und Geschwister natürlich auch. Dadurch werden sie sicherer identifiziert als mit jedem Fingerabdruck. Und die UNHCR-Mitarbeiterin auf der anderen Seite des Scanners braucht dafür auch nicht mehr als einen Laptop (naja, und natürlich eine ziemlich ausgefeilte Software).

Und damit ist Baria da, in der Datei des UNHCR. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen weiß somit, wer wo welche Hilfe braucht – und das in der Familie ein paar Schulbücher auch zur lebensnotwendigen Ausstattung gehören.

Baria hat in einem Leben, das eigentlich nur aus Spielen und Lernen bestehen sollte, schon Krieg und Flucht erlebt. Sie hat mehr Angst gespürt, als je ein Kind spüren soll. Aber zumindest bleibt ihr etwas erspart, was Millionen Flüchtlinge über Jahrzehnte erdulden mussten: Ein Lastwagen mit Reis kommt ins Camp gefahren, die Männer prügeln sich darum, die Stärksten bekommen etwas, die Schwachen nicht und viel Reis landet einfach im Matsch.

Das läuft in Zaatari heute anders. Das moderne Flüchtlingscamp des UNHCR in Jordanien hat fast so etwas wie einen Supermarkt. Die Flüchtlinge können sich dort das holen, was sie wirklich brauchen. Und sie bezahlen auch. Denn in der Regel bekommen sie „cash based assistance“, bares Geld. Das heißt, bar ist es ja gar nicht, sondern es ist auf einem Konto verzeichnet. An der Kasse zahlen die Flüchtlinge mit einem Augenaufschlag: Sie blicken in den Irisscanner und augenblickblich ist das Geld abgebucht.

Für die Flüchtlinge und UNHCR hat dieses System enorme Vorteile. Niemand kann sich mehr holen, als er braucht, und jemanden anderen leer ausgehen lassen – dafür bräuchte er schon dessen Netzhaut. Niemandem kann die Lebensmittelkarte gestohlen werden und man kann sie auch nicht verlieren. Niemand kann einen anderen übervorteilen.

Die Vereinten Nationen vertrauen auf Blockchain

Für UNHCR bedeutet das System nicht nur, dass jederzeit ersichtlich ist, wo Engpässe entstehen können. Es kann noch viel mehr: Die Vereinten Nationen nutzen auch dafür Blockchain. Das macht das System nicht nur besonders sicher, sondern auch besonders billig. Keine Bank kassiert mehr Gebühren. Kein Bargeld zirkuliert mehr und kann gestohlen werden – was für viele Flüchtlingsfamilien die Zerstörung ihrer bloßen Existenz bedeutet. Sicher, schnell und billig – was will man mehr?

Man will noch einen funktionierenden Datenschutz. Auch das hat Priorität bei UNHCR. Denn natürlich muss man auf der Flucht zwar fast alles zurücklassen, nicht aber das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Die Daten werden deshalb bei UNHCR auf besonders sicheren Servern verwahrt und gegen Zugriff von außen geschützt – auch gegen staatliche Datengier.

Einem IMBler muss man nicht erklären, wie sehr eine perfekt abgestimmte Software und künstliche Intelligenz die Welt verändern können. Einem UNHCR-Helfer eigentlich auch nicht, wir erleben es ja jeden Tag. Aber weil es auf der Erde nichts gibt, was man noch besser machen kann, hofft das Flüchtlingshilfswerk jeden Tag auf neue Lösungen. Wir brauchen heute Hard- und Software, um selbst in entlegensten Winkeln der Erde Menschen schützen zu können. Gut, dass IBM und UNHCR im Gespräch sind, um gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen.

Im digitalen Zeitalter funktioniert Identifikation nicht mit Papier. Sie funktioniert einfacher, verlässlicher, internationaler. Und sie funktioniert so, wie es überhaupt machbar ist, wenn wir von Millionen Menschen in weniger entwickelten Regionen dieser Erde sprechen. Menschen, denen schnell geholfen werden muss. Keinem Flüchtling wird durch diese neuen Technologien die Flucht erspart. Aber Millionen Menschen, und ihren Helfern, wird ihr Los zumindest ein bisschen erleichtert.

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