Zukunft Industrien

Die Blockchain „verlässt das Labor“: Immer mehr Branchen weltweit starten innovative Projekte für den produktiven Einsatz

Noch vor einiger Zeit meinten die meisten Menschen „Bitcoin“ und dachten sofort an Cryptowährungen, wenn sie von Blockchain sprachen. Das hat sich mittlerweile geändert: Die disruptive Blockchain-Technologie wird inzwischen in immer mehr Branchen eingesetzt. Einige davon sind durchaus überraschend: In Dubai werden mit Hilfe der Blockchain-Technologie digitale Pässe entwickelt, in Tiflis wird Blockchain bereits ganz konkret in der Verwaltung angewandt. Das ist nur eine kleine Auswahl der neuen Blockchain-Einsatzfelder.

Blockchain spielt weltweit in immer mehr Einsatzgebieten eine Rolle – und wird daher für Entscheider aus den unterschiedlichsten Branchen immer wichtiger.

Top-Manager schätzen Blockchain als sehr relevant ein

In einer weltweiten Studie des IBM Institutes for Business Value gab ein Drittel der fast 3.000 befragten Top-Manager der obersten Führungsebene an, Blockchain in ihrem Unternehmen entweder bereits zu nutzen oder die Nutzung in Betracht zu ziehen. Im Fokus stehen finanztechnische Veränderungen in ihrer Branche oder die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle. Acht von zehn der befragten CxOs, die bereits in Blockchain investieren, geben diese Beweggründe an. Blockchain und die damit verbundenen neuen Transaktionsmöglichkeiten bieten nach Ansicht einiger CxOs vor allem die große Chance, mehr Vertrauen und Transparenz in Partner-Netzwerken zu schaffen.

Vertrauen und Transparenz – diese  Vorteile der Blockchain-Technologie gelten für viele Branchen. Doch wo tut sich momentan am meisten, und welche aktuellen Projekte gibt es? Hier ein kleiner Überblick:

Die Blockchain-Technologie wird aktuell schon verstärkt in Schlüsselindustrien genutzt, beispielsweise in der Finanz- und Energiebranche, in der Logistik oder in der Sicherheitstechnologie. Eine Studie zur Akzeptanz von Blockchain in der Schweiz sieht den Distributionssektor vorne. Frühe Anwender haben bereits Business-Netzwerke basierend auf Blockchain aufgebaut. Diesem Beispiel werden in absehbarer Zeit immer mehr folgen und kommerzielle Blockchain-Lösungen entwickeln – viele schon bis Ende des Jahres.

Blockchain im Energiesektor

Im Energiesektor tut sich einiges in punkto Blockchain – auch in Deutschland: Im Mai 2017 kündigten der Übertragungsnetzbetreiber TenneT und das Unternehmen sonnen gemeinsam mit IBM ein Pilotprojekt an. Das Ziel ist, zu testen, wie mit Hilfe einer Blockchain-Lösung erneuerbare Energien besser in das Stromversorgungssystem integriert werden können.

Die von IBM entwickelte Blockchain-Lösung basiert dabei auf Hyperledger Fabric, einem Blockchain Framework. Hyperledger Fabric gehört zu den Hyperledger Projekten, die von der Linux Foundation gehostet werden.

So sieht IBM die Blockchain-Technologie.

Erneuerbare Energien wie Windkraft tragen einen immer größeren Teil zur allgemeinen Stromversorgung bei und werden verstärkt dezentral ins Stromnetz eingespeist. Deshalb gibt es des Öfteren Transportengpässe; beispielsweise kann dann in Norddeutschland erzeugte Windenergie nicht in die Industriestandorte im Süden transportiert werden.

Übertragungsnetzbetreiber wie TenneT greifen deshalb in die Erzeugung ein, etwa durch Redispatch und Windabregelung, und stellen so sicher, dass weniger Strom transportiert werden muss. Ein Redispatch ist ein Eingriff in die Erzeugungsleistung von konventionellen Kraftwerken, um so bestimmte Leitungsabschnitte vor Überlastung zu schützen. Wenn an einer Stelle im Netz ein Engpass droht, drosseln manche Kraftwerke ihre Stromeinspeisung, während andere Anlagen diese erhöhen – je nachdem ob die Kraftwerke diesseits oder jenseits des Engpasses liegen. Reicht dies nicht aus, um Transportengpässen vorzubeugen, wird die Einspeisung von Windenergie gedrosselt, um die Lage zu entspannen.

TenneT und sonnen führen dazu momentan ein Pilotprojekt durch. Dabei wird getestet, ob sich durch die Einbindung von dezentralen, örtlichen Batteriespeichern Maßnahmen wie das Abregeln von Windparks reduzieren lassen. Im Projekt werden dazu Heimspeicher über eine Blockchain-Lösung in das Energieversorgungssystem eingebunden. Die vernetzten Batteriespeicher können nach Bedarf sehr schnell überflüssigen Strom aufnehmen oder abgeben. Dadurch müsste künftig weniger Windstrom „weggeworfen“ werden, nur weil er nicht transportiert werden kann. Stattdessen würde die Integration von erneuerbaren Energien in das Stromnetz verbessert.

Blockchain in der Finanzwelt

Insbesondere in Europa tut sich einiges: Das Bankenkonsortium „Digital Trade Chain“ – bestehend aus der Deutschen Bank, HSBC, KBC, Natixis, Rabobank, Société Générale und Unicredit – kommt ihrem Ziel, eine Blockchain-Plattform für kleine und mittelständische Unternehmen zu entwickeln, sukzessive näher. Hierzu wurde jetzt IBM damit beauftragt, eine entsprechende Blockchain-Plattform für Handelsfinanzierungen aufzubauen und zu betreiben. Die Plattform wird es kleinen und mittleren Unternehmen in Europa erleichtern, Handelsgeschäfte im In- und Ausland abzuschließen, und ihnen einen besseren Überblick über ihre Transaktionen ermöglichen.

Ein weiteres Beispiel im Finanzsektor ist die Kooperation der Börse in Santiago de Chile und IBM. Die Kooperationspartner möchten die Blockchain-Technologie in der chilenischen Finanzindustrie einführen. Betrügerische oder fehlerhafte Transaktionen, aber auch lange Bearbeitungszeiten, sind oft ein großes Problem im Finanzverkehr – die in Chile verwendete Lösung soll genau diese Risiken verringern. Dies ist das erste Mal, dass an einer südamerikanischen Börse Blockchain-Technologie von IBM für Wertpapiergeschäfte verwendet wird.

Generell waren Finanzinstitute unter den ersten, die die neuen Möglichkeiten von Blockchain für ihre Branche getestet haben, nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund, dass Blockchain diverse disruptive Ansätze bietet, die Teile der traditionellen Geschäftsmodelle der Banken angreifen könnten. Kooperationen von Unternehmen, die eigentlich im Wettbewerb zueinander stehen sind zunehmend zu beobachten und der Finanzsektor lebt es anderen Branchen vor.

Die Blockchain und die Lieferkette

Auch in China findet momentan ein Pilotprojekt zu Blockchain statt – in diesem Fall geht es um Schweinefleisch: Walmart, die Tsinghua Universität und IBM arbeiten gemeinsam daran, die Nachverfolgbarkeit von Essen in der Lieferkette zu verbessern – Stichwort „food to fork“. Eine bessere Nachverfolgbarkeit kann die Kontamination von Lebensmitteln verhindern und somit auch das Vertrauen der Verbraucher erhöhen. Das Projekt soll in Zukunft auch auf andere Lebensmittel ausgeweitet werden.

Generell wird die Nachverfolgung von Produkten über Grenzen hinweg mit der zunehmenden Globalisierung immer komplexer. 90 Prozent dieser Produkte werden mit Containerschiffen transportiert. Auch in diesem Bereich gibt es ein Beispiel: Maersk und IBM arbeiten gemeinsam an einer Blockchain-Lösung, mit der die vielen notwendigen Transportdokumente besser verwaltet werden können.

Identitätsnachweis mit der Blockchain

Herkömmliche Arten der Identitätsüberprüfung sind oft kostspielig, nicht miteinander vernetzt und im heutigen Zeitalter der Digitalisierung einfach nicht mehr zeitgemäß. SecureKey Technologies arbeitet mit IBM deshalb an einem neuen Konzept der digitalen Identität. In einem Netzwerk werden dazu Merkmale geteilt, die für die Identitätsüberprüfung relevant sind. Dieses Netzwerk basiert auf dem IBM Blockchain Service. Durch das Netzwerk können Kunden ihre Identität einfacher verifizieren lassen und die entsprechenden Daten mit ausgewählten Organisationen teilen.

Diese Beispiele zeigen: Die Blockchain hat das Experimentierstadium im Labor schon verlassen und wird immer produktiver eingesetzt. Es bleibt spannend zu beobachten, welche Branchen innovative Projekte auf den Weg bringen und wie die unterschiedlichen Branchen dabei agieren.

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