Moderne Arbeitswelten

Roboterjournalismus und Meinungsmacht. Wie die Digitalisierung Medien und Kommunikation verändert

Seit geraumer Zeit macht sich Unruhe breit in den Redaktionen der Medienhäuser: Kollege Computer legt immer häufiger Hand an in den Schreibstuben. Gespannt schaut man über den Atlantik, wo etwa die Nachrichtenagentur AP seit einiger Zeit Quartalszahlen automatisch vertexten lässt. Auch in Deutschland beschäftigen sich viele Verlage inzwischen mit dem Thema, aber die wenigsten geben es zu. Denn Roboterjournalismus klingt hierzulande nach Jobkiller, Kostensenkung und Qualitätsverlust. Als der Bremer Weser-Kurier im November 2015 bekannt gab, die Sportberichte künftig von Computern schreiben zu lassen schlugen die Wellen so hoch, dass der Verlag klarstellen musste: Lediglich das Onlineportal experimentiere derzeit mit computergenerierten Texten.

Roboter sind glaubwürdig

Es wird nicht bei Experimenten bleiben. Verlage können es sich nicht leisten, Chancen auf Wettbewerbsvorteile lange zu ignorieren. Bereits 40 Prozent der Befragten einer Bitkom Studie glauben inzwischen, dass in zehn Jahren auch journalistische Texte automatisch von Algorithmen erstellt werden. Die Branche freundet sich langsam mit dem Gedanken an, dass immer mehr Standardtexte wie Börsennachrichten, Sportberichte, Verkehrsmeldungen oder Wettervorhersagen von Computern erstellt werden. Das Berufsbild des Journalisten wird sich dadurch deutlich verändern.

Kollege Computer wird dabei im besser: Ein Test der New York Times zeigt, was „Robo-Redakteure“ bereits leisten, und fordert den Leser zu einem Test heraus: Mensch oder Maschine – wer hat’s geschrieben? Das Ergebnis bringt auch hartnäckige Skeptiker ins Zweifeln. Bislang schreiben die Maschinen vor allem einfach strukturierte Nachrichten und Berichte. Studien zeigen aber, dass Leser nicht mehr eindeutig den Computer als Autor erkennen, und viele Robotertexte sogar als glaubwürdiger empfinden.

Einen großen Coup hat unlängst das britische Marketing-Magazin Drum gelandet. IBMs KI-Software Watson hat ein komplettes Heft gestaltet. Er wählte Bilder aus, passte Texte an und gestaltete die Seiten. „Wir hatten die Gelegenheit” meint Gordon Young, der Chefredakteur, “mit der Hilfe von IBMs Watson diese Ausgabe zu gestalten, und wir sehen, dass viele unserer Geschichten von der künstlichen Intelligenz profitieren”.

Roboterjournalismus

Robo-Redakteure schreiben immer bessere Texte.

Redakteure im Cockpit

Die Vorteile liegen auf der Hand. Redaktionen haben begrenzte Ressourcen, müssen aber gleichzeitig immer mehr verschiedene Kanäle bedienen. Vom traditionellen Blatt über die Website bis zu Mobile-Apps, Social-Media und Newslettern – der Echtzeitbedarf an Gebrauchstexten mit differenzierter, individueller Diktion nimmt ständig zu. Redakteure können sich daher immer weniger um ihr eigentliches Geschäft kümmern: Fundierte Analysen, investigative Recherchen oder meinungsstarke Kommentare. Genau das macht aber den entscheidenden Wettbewerbsvorteil aus.

Viele Journalisten fürchten um ihren Job, aber das ist vielleicht gar nicht berechtigt. Intelligente Software kann den Journalisten von eintönigen Routinetätigkeiten entlasten, ihn aber nicht ersetzen. Ein Roboter fühlt nicht. Er ist nicht in der Lage, seinen Texten Subjektivität und eine eigene Meinung zu geben – und das wird auch in Zukunft das Markenzeichen von Qualitätsjournalismus sein. Watson und Co schaffen den nötigen Freiraum, dass man sich tatsächlich um dieses Kerngeschäft kümmern kann. Der Robo-Mitarbeiter könnte daher bald ein geschätzter Kollege sein. Algorithmen können den Nachrichtenstrom kontinuierlich nach interessanten Themenmustern und Stories durchsuchen – viel schneller und effizienter als jeder Redakteur. Sie können Themenvorschläge machen, Recherche-Aufgaben durchführen oder einen ersten Textentwurf generieren, der dann vom Journalisten verfeinert wird. Die zukünftige Arbeitsstelle eines Journalisten wird daher eher wie ein Cockpit aussehen, in dem neue Themen geprüft und Storytelling in mehreren Kanälen parallel gemanagt wird. Der Mensch kümmert sich um das, was er am besten kann: Hintergrundgespräche, meinungsstarke Kommentare und den Instinkt für den Scoop.

Schlaues Dreamteam

Kollege Computer besitzt das Potential, in den Redaktionen für den entscheidenden Qualitätsvorteil zu sorgen. Richtig eingesetzt kostet das keine Mitarbeiter, sondern sichert Marktanteile und Wettbewerbsvorteile. Wie jede Technologie steckt auch im Roboterjournalismus die Gefahr des Missbrauchs. Computer sind moralfrei – und sie werden niemals müde. Aus dem Suchwortmarketing kennen wir bereits den ständigen Kampf der Algorithmen von Google und Co, bei dem mit lauteren oder unlauteren Mitteln die Position von Websites bei den Ergebnissen von Suchmaschinen beeinflusst oder manipuliert werden.

Masse macht Meinung – und nichts fällt Computern leichter, als Masse zu simulieren. Es ist leicht vorstellbar, mit Methoden des Roboterjournalismus das Internet mit automatisch generierten Texten vollzuschreiben. Die Versuchung wird groß sein, mit KI-Algorithmen und „Textfarmen” systematisch Fakten zu verzerren und Nachrichten zu manipulieren. Nach dem ersten TV-Duell zwischen den amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Trump und Clinton bombardierten Trump-Anhänger, darunter auch Bots, Internetforen und laufende Online-Umfragen, mit dem Ziel, Stimmung zu machen. Das sind bald keine dummen Troll-Aktionen mehr: Wer Umfragen manipuliert, will auch Nachrichten manipulieren.

Jede industrielle Revolution bringt eine Vielzahl von neuen Möglichkeiten, Aufgaben und Berufsbildern hervor. Dazu werden in Zukunft auch das Erkennen und die Abwehr missbräuchlicher Meinungsmache gehören. Wir werden uns vor der Revolution der Schreibroboter nicht wegducken können. Also arbeiten wir lieber daran, Redakteure und Robojournalisten zu einem schlauen Dreamteam zu machen. Das nutzt den unabhängigen Medien und unserer Meinungsfreiheit mehr als amorphe Angst in Schreibstuben.

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