Innovation

Mit Anyline lernt das Smartphone lesen

Ein österreichisches Start-up bringt den Kameras unserer Mobilgeräte das Lesen bei und erobert damit nicht nur die Herzen der Analysten, sondern auch die zahlreicher namhafter Kunden im DACH-Raum. Nun will das Wiener Team von Anyline noch höher hinaus und von Wien aus die Weltmärkte erobern. Die Chancen stehen exzellent, schließt ihr Produkt doch eine der letzten echten Lücken der Digitalisierung: die Medienbrüche zwischen analoger und digitaler Welt.

Start-up-Enthusiasten rund um die Welt sind auf der Suche nach dem einem: einem Problemlöser. Im Idealfall soll dieser mit einer kaum kopierbaren Methode oder Technologie ein weltweit auftretendes Problem lösen, somit skalierbar und international zu vertreiben sein. Der viel beanspruchte Begriff der „eierlegenden Wollmilchsau“ drängt sich auf. Und tatsächlich, immer wieder gibt es Nischen, in denen kleine agile Start-ups den ganz Großen mehr als nur eine Nasenlänge voraus sind. Einer dieser noch nicht ausgeschöpften Bereiche der Digitalisierung ist Optical Character Recognition (OCR), die optische Texterkennungs-Technologie. Das sagt Ihnen nichts? So geht es vielen, dabei lässt sich diese Technologie in einem kurzen Satz erklären: Ihr Smartphone lernt lesen.

Schwarz auf Schwarz

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen vor Ihrer Online-Banking-App und müssen mühsam händisch IBAN, BIC Code und im schlimmsten Fall auch noch die Rechnungsnummer eines analogen Zahlscheins eingeben. Mit OCR lässt sich dieses Problem bereits heute lösen. Die Texterkennungs-Technologie liest über die Kamera die Zahlen aus und füllt ihr Online-Banking-Formular automatisch aus. Für viele Bankkunden gibt es diesen Service bereits. So weit so gut. Aber nicht alle Dinge sind so standardisiert wie ein Zahlschein. Denken wir an Zählerstände im Energiebereich, Ausweisdaten zur Identifikation, Behälterbeschriftungen oder Seriennummern in der Logistik – alles Texte und Ziffern, die in Alltagssituationen, bei schlechten Lichtverhältnissen, nicht optimalen Aufnahmewinkeln gescannt und verarbeitet werden müssen.

Anyline-Seriennummer

© Anyline

„Schwarz auf weiß Geschriebenes einzulesen ist heute Standard, das kann jeder. Aber wir können sogar schwarz auf schwarz lesen“, sagt Chief Operating Officer Andreas Greilhuber von Anyline augenzwinkernd. Er bezieht sich damit auf einen ganz besonderen Anwendungsfall, bei dem die Anyline-OCR-Technologie geprägte Nummern von Autoreifen, also schwarze Schrift auf schwarzem Gummi, einliest.

Analysten von Technologie überzeugt

Genau solche Alltagssituationen sind die Spezialität der Anyline-OCR-Technologie und der Grund, warum das Analystenhaus Gartner das Wiener Start-up 2018 unter den Top 5 der „Cool Vendor“ für Supply Chain Execution (SCE) gelistet hat. Die Software scannt über die Kamera-Software gängiger Mobilgeräte, also Smartphones oder Tablets, beispielsweise einen Ausweis oder ein Kennzeichen und erkennt, wo der relevante Text steht. Das neuronale Netz, das dahinter liegt, „übersetzt“ den relevanten Bildausschnitt dann in Bits und Bytes. Doch wie jede Künstliche Intelligenz (KI) muss auch diese für jeden Anwendungsfall erst trainiert werden. Vereinfacht gesagt, lernt die Software aus Millionen von Testläufen nach dem Prinzip „Trial and Error“, bis das Auslesen der Daten auch verlässlich funktioniert. Deep Learning lautet der Fachbegriff dazu, eine Methode des maschinellen Lernens basierend auf neuronalen Netzwerken.

95 Prozent sind nicht genug

Für zahlreiche Industrien ist diese KI-basierte, mobile Texterkennung ein echter Meilenstein, denn vieles wird heute noch mühsam und fehleranfällig manuell erfasst. „Der Mensch liest erfahrungsgemäß nur zu 95 Prozent genau – zu wenig, wenn es um das Thema Datenintegrität geht“, so Andreas Greilhuber.  Die Mitarbeiter der Münchner Stadtwerke beispielsweise, die für die Parkraumbewirtschaftung in der drittgrößten Stadt Deutschlands zuständig sind, mussten bis vor wenigen Monaten die Kennzeichen von Fahrzeugen manuell erfassen. Das heißt konkret: Sie mussten die Ziffern und Buchstaben zweimal hintereinander in ihr mobiles Gerät eintippen. Einmal von vorne nach hinten und einmal von hinten nach vorne, um Fehler zu vermeiden. Ähnliches Problem, andere Branche.

Im Logistik-Sektor wird die Anyline-Software eingesetzt, um Containernummer und Wagonnummern zu scannen, aber auch um Wareninformationen auf Paletten einzulesen. Ganze Züge können damit statt in wenigen Stunden in wenigen Minuten abgeladen werden. Ebenfalls von Vorteil ist die Dokumentation der einzelnen Schritte, die parallel zum Scanvorgang läuft. So wird mit jedem Scan ein Foto abgespeichert, das gerade im Schadensfall als Beweis dient und volle Nachvollziehbarkeit gewährleistet.

Geschwindigkeit durch Cloud

Neben der Datenintegrität ist das Thema Geschwindigkeit natürlich einer der Haupterfolgsfaktoren auf dem Weg zur Marktführerschaft. Die Software mittels Trainings schnell fit für neue Anwendungsfälle zu machen, ist also eine zentrale Bedingung für eine weitere erfolgreiche Expension des jungen Wiener Unternehmens. Die IBM Cloud ist dabei Dreh- und Angelpunkt für zahlreiche Anwendungsbereiche – von IBM Watson Machine Learning zur Texterkennung und Verarbeitung bis hin zur Automatisierung der Trainingspipeline. Damit gelang es Anyline, die Geschwindigkeit ihrer bestehenden Lösungen um den Faktor 4 zu beschleunigen und die Marktreife, neudeutsch „Time to Market“, von einer Woche auf eine Nacht zu reduzieren. So wichtig die Cloud für die (Weiter-)Entwicklung der zugrundeliegenden Softwarelösung ist, so wichtig ist es dem Unternehmen auf der anderen Seite, dass ihr Lösung offline, auf dem Smartphone selbst, ausgeführt wird, um auch den höchsten Datenschutzrichtlinien der einzelnen Industrien zu genügen. Damit hat Anyline früh die Zeichen der Zeit erkannt und sich einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil gegenüber Mitbewerbern, hauptsächlich aus den USA, für europäische Kunden herausgearbeitet.

Vom digitalen Lückenfüller auf dem Weg zum Weltmarktführer

Vor sieben Jahren von vier Digitalenthusiasten gegründet, ist das Unternehmen heute mit 45 Mitarbeiter und einem Umsatz im zweistelligen Millionenbereich den Kinderschuhen bereits entwachsen. Zu den Kunden zählen heute neben öffentlichen Behörden und über 50 Stadtwerken allein in Deutschland auch viele namhafte private Unternehmen aus dem DACH-Raum wie Canon, Porsche oder Swisscom. Jedes einzelne mit seinem ganz speziellen Anwendungsfall und einer neuen Herausforderung für das engagierte Team aus Wien. Man darf gespannt sein, wie sich das nächste Kapitel in der Erfolgsgeschichte der engagierten Gründer lesen wird.

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