Innovation

Es werde CIMON! Wie aus einem Roboter ein Assistent mit Herz wird

Klein, weiß, rund: Mit seinen humanoiden Gesichtszügen, dem freundlichen Lächeln und seinen erstaunlichen KI-Fähigkeiten hat sich CIMON® in kurzer Zeit zum Medienliebling entwickelt. Aktuell befindet sich der intelligente Astronautenassistent auf der Internationalen Raumstation (ISS), um die Besatzung – allen voran Alexander Gerst – bei Experimenten zu unterstützen. Bis aus dem fliegenden Roboter aber ein einfühlsamer Assistent mit Herz wurde, waren viele Trainingsstunden nötig. Denn CIMON befand sich zunächst in einer kleinen Identitätskrise. Das Entwicklerteam hatte Gesprächsantworten programmiert, die von der Tonalität von freundlich bis schnippisch reichten. So konnte der intelligente Astronautenassistent auf die nette Frage „How are you?“ mit „I’m sick of you – Just kidding“ antworten. Kein guter Gesprächseinstieg, wenn man sein Gegenüber das erste Mal trifft – insbesondere, wenn man sich dabei in einer 1.200 Kubikmeter großen Raumstation in Schwerelosigkeit befindet, 400 Kilometer über der Erde.

Ein ISTJ-Typ wie im Lehrbuch

CIMON brauchte eine klare Persönlichkeit – eine, die zu seiner Raumfahrtmission als Assistent und Begleiter passt: ein hilfsbereiter, zuverlässiger Partner bei der Arbeit an anspruchsvollen Experimenten, aber ein freundlicher Gesprächspartner in der Freizeit. Dazu zog das Team die Myers-Briggs-Typenindikatoren heran und stieß auf die Beschreibung für ISTJ (Introverted, Sensing, Thinking, Judging): eine introvertierte, fühlende, denkende und urteilende Person. Die charakteristischen Merkmale sind Integrität, praktische Logik und unermüdliche Einsatzbereitschaft. Die sogenannten Logiker lassen sich nicht von Vermutungen leiten und ziehen es stattdessen vor, ihre Umgebung zu analysieren, Tatsachen zu überprüfen und zu praktischen Schlussfolgerungen zu gelangen.

Bingo! Diese Attribute passten genau zum sachlich-neutralen Anforderungsprofil von CIMON.

CIMON-ArbeitMehr als nur ein Chatbot

Im Zuge der Persönlichkeitsentwicklung von CIMON wurde insbesondere auf ein konsistentes Verhalten bei der Arbeit und in der Freizeit geachtet. Das ist wichtig, denn grobe Abweichungen von dieser Persönlichkeit könnten den Gesprächspartner verwirren. Dabei sollten nicht nur die Aussagen und die Tonalität einheitlich sein, auch die Gestik und die Intonation der Stimme musste zum Gesagten passen. Erzählt ein Astronaut, dass er seine Familie vermisst, reagiert CIMON mit gesenktem Kopf und trauriger Stimme. Diese emotionale Intelligenz von CIMON ist darauf trainiert, emotionale Hinweise in der Sprache wie „unglücklich“ oder „aufgeregt“ zu erkennen und entsprechend darauf zu reagieren. CIMON ist also in der Lage, Gespräche zu führen, die von Gefühlen geprägt sind. Deshalb ist es möglich, dass er auf die Aussage „Ich vermisse meine Familie“ angemessen antwortet – nicht nur mit „Es tut mir leid“, sondern mit „Es tut mir leid, wie kann ich helfen?“. Damit ist CIMON mehr als nur ein Chatbot oder ein virtueller Assistent. Sein Entwicklungsteam hat darum alle bereits programmierten Dialoge kritisch überprüft, ob sie zu den Kurzbeschreibungen seines Profils passten.

Die Fähigkeit zur Analyse von Emotionen kommt derzeit aber noch nicht zum Einsatz. Eventuell wird sie mittelfristig getestet, um die soziale Interaktion zwischen Mensch und Maschine, zwischen Astronaut und dem mit emotionaler Intelligenz ausgestattetem Flugbegleiter zu erproben. Auf Langzeitmissionen zum Mond oder zum Mars, wo die Astronauten über lange Zeit auf engstem Raum leben und arbeiten, könnte solch ein System eine wichtige Rolle für den Erfolg spielen.

Roboter, die auf Gefühlsäußerungen reagieren können, liegen voll im Trend: Das Marktforschungsunternehmen Gartner erwartet, dass diese Entwicklung im Rahmen der emotionalen Intelligenz sehr schnell beim Verbraucher ankommen wird. Schon im nächsten Jahr sollen 20 Prozent der persönlichen Geräte Emotionen berücksichtigen, um ein individuelles Feedback zu geben. Bis 2022 würden diese Geräte mehr über unseren Gefühlszustand wissen als unsere eigene Familie, prognostiziert Gartner.

Technische Funktionalität hatte Priorität

CIMON ist ein Weltenbummler und spricht daher ausschließlich Englisch. Genau richtig, um das internationale Team auf der ISS zu unterstützen. Entwickelt wurde er im beschaulichen Friedrichshafen. Es dauerte nicht lange bis zu einem ersten Treffen mit Alexander Gerst im Europäischen Astronautenzentrum (EAC) in Köln. CIMON ist speziell auf Alexander Gerst zugeschnitten. Die technische Funktionalität stand für ihn bei der Entwicklung von CIMON klar im Vordergrund. Wichtig war, dass der fliegende Assistent im schwerelosen Raum einwandfrei funktioniert und bei Routineaufgaben wie der Assistenz von Prozeduren, Dokumentation von Experimenten und der Suche nach Objekten unterstützten kann.

Als robotisches Vorbild diente Professor Simon Wright, das fliegende Gehirn im Team von Captain Future – dem Superhelden der 1980er-Jahre. Ihr Auftrag: Die Erde retten. Zwar ist die Mission von CIMON nicht ganz so ambitioniert, aber das Aussehen der beiden weist deutliche Parallelen auf: Dank Sensoren und einem Sprachprozessor konnte Professor Simon sehen, hören und sprechen. Ein Behälter mit Traktorstrahlen ermöglicht ihm zudem uneingeschränkte Mobilität und das Fliegen im Weltall. Ein galaktisch cooler Typ! Aber eben Science Fiction.

Mit einem Augenzwinkern jede Situation meistern

Obwohl die persönlichkeitsbildenden Eigenschaften für Gerst erst einmal zweitrangig waren, lassen sich die typisch deutschen Charakterzüge von CIMON nicht leugnen. Mit seiner nachdenklichen, ehrlichen und direkten Art behält er selbst in hektischen Situationen stets einen kühlen Kopf und navigiert sicher durch die komplexen Experimente. Das ständige Vorurteil, Deutsche hätten keinen Humor, bestätigt CIMONs Persönlichkeit allerdings nicht: Wenn es die Situation erlaubt, hat er immer einen lustigen Spruch auf den Lippen und lockert die Gesprächsrunde durch einen Witz auf. Zu CIMONs Spezialität gehört insbesondere die Situationskomik: Auf die Frage, was er über den fiktiven Computer HAL 9000 aus dem Science-Fiction-Kultfilm „2001: Odyssee im Weltraum“ von 1968 denkt, antwortet CIMON zum Beispiel mit HALs ikonischer, mechanischer Stimme „I‘m sorry, Dave, I’m afraid I can‘t do that“.

CIMON-GerstCredit: ESA

Ein Blick in die Zukunft

Nach erfolgreichen Funktionstests und dem ersten Kennenlernen mit Alexander Gerst auf der ISS stehen für CIMON nun Versuche mit Kristallen, mit dem Rubik-Zauberwürfel und ein medizinisches Experiment auf dem Programm, bei dem er als fliegende Kamera genutzt wird. CIMON lernt dabei mit jeder Interaktion dazu und kann sein neu erlangtes Wissen schon bei der nächsten Interaktion gezielt einbringen. So kommt er selbst im Weltraum mit neuen Gegebenheiten sehr schnell zurecht. Zukünftig soll er neben Alexander Gerst auch anderen Astronauten assistieren. Die Gespräche für „CIMON 2.0“ laufen bereits.

CIMON®, eine in Deutschland eingetragene Marke des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt e. V. (DLR), steht für Crew Interactive MObile CompanioN und ist ein vom DLR-Raumfahrtmanagement gefördertes wissenschaftliches Projekt, finanziert mit Mitteln des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi). Andere Produkt- und Servicenamen können Marken der IBM Corporation oder anderer Unternehmen sein.

 

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