Zukunft Industrien

„Deutsche Perspektiven“ – Neue Studie beleuchtet Herausforderungen des Wirtschaftsstandorts Deutschland

Exportweltmeister Deutschland, Powerhouse Deutschland, Deutschland als Motor Europas – diese Superlative über die wirtschaftliche Stärke Deutschlands sind in der nationalen und internationalen Diskussion häufig anzutreffen. Der Wirtschaftsstandort Deutschland mit den Branchen Automobilindustrie, Elektrotechnik, Chemie und Dienstleistungen ist schon seit langem für viele Unternehmen attraktiv. Aber wie kann die Attraktivität dieses Standorts langfristig aufrecht erhalten werden? Dieser Frage geht die kürzlich vom IBM Institute for Business Value veröffentlichte Studie „Deutsche Perspektiven – Wie Deutschland als Powerhouse in der Welt bestehen kann“ nach.

Kurs halten im Angesicht von Hindernissen

Für die Studie wurden knapp 5 700 Führungskräfte aus aller Welt, davon 353 aus Deutschland, zu unterschiedlichen Themen in Bezug auf ihren jeweiligen Wirtschaftsstandort befragt, beispielsweise zu Treibern und Anforderungen für Arbeit, Qualifizierung und Personal. Deutschland verfügt über eine stabile Basis und macht nach Ansicht der Führungskräfte vieles richtig. Allerdings gibt es auch einige Hindernisse und Hemmnisse, die adressiert werden müssen, wenn Deutschland weiterhin als Powerhouse bestehen will.

Die befragten Führungskräfte sind sich der Notwendigkeit von Veränderung durchaus bewusst. So sagen zum Beispiel 82 Prozent, dass die traditionellen Grenzen zwischen Branchen verschwimmen, und 85 Prozent, dass traditionelle Geschäftsmodelle in der heutigen Zeit nicht mehr aufrecht erhalten werden können.

Wirtschaftsstandort Deutschland: Eine stabile Basis

Die Exportweltmeisterschaft kommt nicht von ungefähr. Deutschland hat die Wiedervereinigung 1990 und die Weltwirtschaftskrise 2008/09 gemeistert und hat heute höhere Wachstumsraten als seine europäischen Nachbarn. Mit Hilfe der Agenda 2010 ist Deutschland äußerst wettbewerbsfähig geworden. Nach Daten des Weltwirtschaftsforums belegt Deutschland Platz vier in der Rangliste der wettbewerbsfähigsten Länder – hinter der Schweiz, Singapur und den USA. Großbritannien steht auf Platz zehn, Frankreich auf Platz 22 und Spanien auf Rang 33. Der Außenhandel macht dabei 86 Prozent des deutschen Inlandsprodukts aus. Darüber hinaus ist das deutsche duale Berufsausbildungssystem internationale Spitze und wird sogar in andere Länder exportiert. Die befragten Führungskräfte sehen auch die deutschen Hochschulen als hervorragend geeignet für die Erstausbildung in den naturwissenschaftlichen und technischen Fächern an.

Aus Sicht deutscher Führungskräfte ist das Land gut aufgestellt als globaler Technologie-Innovator; diesbezüglich ist ihre Zuversicht höher als die ihrer Kollegen in fast allen anderen großen Volkswirtschaften. Trotz der Unsicherheit innerhalb und außerhalb Europas sieht ein deutlicher Teil der befragten Führungskräfte Deutschland als ein offenes, global integriertes und forschungsgetriebenes Land (siehe Abbildung).

Wie bereits erwähnt ist aber nicht alles Gold, was glänzt. Es gibt eine Reihe externer, aber auch interner Faktoren, die den Wirtschaftsstandort Deutschland bei ungenügendem Management gefährden können.

Wirtschaftsstandort Deutschland: Externe Faktoren

Die Studie identifiziert vier externe „Schocks“ mit möglichem nachhaltigem Einfluss auf die deutsche Wirtschaft:

  • Der jüngste Zuzug von Flüchtlingen und Migranten hat erhebliche kurzfristige Herausforderungen für deutsche Länder und Gemeinden geschaffen. 63 Prozent der befragten Führungskräfte erwarten, dass neue Einwanderer zumindest etwas zusätzliche Ausbildung benötigen, um positiv zur Wirtschaft beizutragen.
  • Die Brexit-Entscheidung und die daraus folgende Auflösung der vollen wirtschaftlichen Integration erzeugt erhebliche Unsicherheit in Europa, vor allem in Deutschland. Es wird prognostiziert, dass der Brexit kumulative Auswirkung von mehr als 100 Millionen Euro über fünf Jahre bis 2022 haben wird.
  • Digitale Technologien verändern derzeit Unternehmen und Branchen. 86 Prozent der Befragten sorgen sich über Wettbewerb aus neuen und unerwarteten Richtungen. Die Auswirkung dieser Kräfte auf ihre Unternehmen wird tiefgreifend sein; allerdings tun sich Viele schwer zu verstehen und vorherzusagen, wie sie darauf reagieren sollten.
  • Geschäftsmodelle. Als Folge werden sich viele der traditionellen Geschäfts- und Betriebsmodelle, mit denen deutsche Firmen in den letzten 60 Jahren erfolgreich waren, unweigerlich verändern.

Wirtschaftsstandort Deutschland: Interne Faktoren

Neben den genannten externen Faktoren gibt es ein paar „hausgemachte“ Einflüsse, denen sich der Standort Deutschland ebenfalls stellen muss:

  • Überalterung. Darüber wurde bereits viel geschrieben, aber es muss dennoch wiederholt werden. Das mittlere Alter eines deutschen Bürgers wird 2050 bei 51 Jahren liegen.. Dadurch wird es zu immer größeren Engpässen Engpässe bei qualifiziertem Personal kommen. 50 Prozent der befragten deutschen Führungskräfte sehen das Thema als bedeutende Herausforderung an.
  • Die Erstausbildung in Deutschland wird als Weltspitze angesehen – nicht jedoch, was danach kommt. Nur 8,1 Prozent der erwachsenen Deutschen nehmen an Weiterbildungsprogrammen teil, was deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 10,7 Prozent liegt. Lebenslanges Lernen ist eine große Herausforderung für deutsche Unternehmen (sagen 54 Prozent der IBM Studie), aber nur die Hälfte gab an, dass Unterstützung bei der Karriereentwicklung Teil ihrer Unternehmenskultur ist.
  • Es hat sich gezeigt, dass allen technischen Fähigkeiten zum Trotz Innovation nicht Teil der deutschen DNA ist. Nur 35 Prozent der Befragten halten ihre eigene Geschäftskultur für innovationsförderlich. Und sogar nur 28 Prozent sagen, dass ihre Firmenkultur Fehler toleriert. Fehler – Versuch und Irrtum – sind aber unerlässlich für langfristig erfolgreiche lnnovation.

Der Weg nach vorn

Um die wirtschaftliche Stärke Deutschlands auch zukünftig zu erhalten, gibt die Studie folgende Empfehlungen:

  • Ökosysteme verstehen und sich zu eigen machen
    Ökosysteme werden immer wichtiger in der Wirtschaft der Zukunft. Dies bedeutet, frühzeitig neue Partnerschaften, Fähigkeiten und Synergien zu schaffen sowie die notwendige Agilität, um sich mit den Ökosystemen entwickeln zu können. Es bedeutet aber auch, die Mentalität der Organisation daraufhin auszurichten.
  • Innovation und Experimentieren fördern
    Führende Organisationen gehen Innovation auf drei Ebenen an: Organisation, Kultur und Prozesse. Alle müssen Top-Down und Bottom-Up, also vom Vorstand bis hin zum Mitarbeiter, verstanden und gelebt werden. (Sehen Sie, wie Kultur immer wieder ein wichtiger Faktor ist?) Und nicht zuletzt muss Innovation nicht nur einen echten Stellenwert im Unternehmen bekommen, sondern auch echte Budgets und sinnvolle Kriterien zur Erfolgsmessung.
  • In Ausbildung und Personalentwicklung (Stichwort „lebenslanges Lernen“) investieren
    Deutschland hat eine klare Führungsrolle in der Ausbildung von Berufseinsteigern; jedoch sieht es im Bereich Erhaltung von Qualifikationen und lebenslanges Lernen weniger rosig aus. Neben der Mentalität bzw. Kultur kann hier Technologie, zum Beispiel Cognitive Computing (KI), eine wichtige Rolle spielen, um personalisiertes, relevantes, leicht zugängliches und erschwingliches Lernen für Alle zu ermöglichen.

Die vollständige Studie des IBM Institutes for Business Value finden Sie unter http://ibm.biz/deutscheperspektiven

 

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