Zukunft Industrien

Digitalisierung in der Automobilbranche: Act like a startup, scale like an enterprise

Die Digitalisierung wälzt die Wertschöpfungskette der Automobilbranche um und ermöglicht den Aufbau komplett neuer Geschäftsfelder und Services rund um die Mobilität. Gleichzeitig drängen immer mehr industriefremde Konkurrenten in den Markt: Der Versandhaus-Riese Amazon plant den eigenen Online-Autovertrieb, während Google und Apple die Nutzung des Autos als vernetztes Endgerät vorantreiben. Die Herausforderung für große Automobilkonzerne: Aufschließen an existierende sowie potentielle Wettbewerber – um diese anschließend zu überholen. Aber wie?

Automobilbranche: Neue Kooperationen, Arbeitsweisen und Team-Setups

Bei der Entwicklung digitaler Services in der Automobilbranche treffen zwei Welten aufeinander: Die vergleichsweise langen Innovationszyklen von mehreren Jahren für ein neues Automodell sowie die technologieorientierte Denkweise der Branche stehen den dynamischen agilen Innovationszyklen für digitale Produkte gegenüber, bei denen sich Neuheiten in einem rasanten Tempo entwickeln. Um diese Ansätze gewinnbringend zusammenzubringen, gehen Unternehmen zunehmend Kooperationen ein, die beide Welten verbinden. Denn um die Grundlagen für neue digitale Geschäftsmodelle der Zukunft zu schaffen, gilt es auch, neue Arbeitsmethoden und Team-Aufstellungen zu etablieren und entsprechend zu skalieren.

Dazu zählt auch die Partnerschaft zwischen Volkswagen und IBM. Gemeinsam mit der IBM-Digitalagentur Aperto arbeitet der Automobilhersteller in interdisziplinären Garagen-Teams und nach agilen Prinzipien zusammen. Co-Creation und Co-Location lauten die Stichworte. Einfach gesagt: Volkswagen-, IBM- und Aperto-Mitarbeiter sitzen gemeinsam an einem Standort und arbeiten auf Augenhöhe an neuen Ideen. Als Standort wurden bewusst die Agenturräume von Aperto im Herzen Berlins gewählt. Gearbeitet wird nach den Lean-Startup-Prinzipen der Agentur – in iterativen Prozessen, bei dem in jeder Projektphase das Produkt mit Hilfe von Prototypen am Nutzer getestet wird, um sicher zu gehen, dass man auf dem richtigen Weg ist.

Dieser gemeinsame Innovationsprozess ermöglicht es, frühzeitig und in möglichst kurzer Zeit eine signifikante Anzahl von Geschäftsmodellen zu validieren. Sind die Prototypen erfolgreich und bieten ausreichend Potential, erfolgt ein gemeinsamer Launch als sogenanntes Minimum Viable Product (MVP) und die Erprobung erster Wachstumsstrategien.

Zusammenarbeit in interdisziplinären und agilen Teams

Neue Produktideen in kurzen Zyklen validieren

Um Innovationen zu forcieren und den Vorteil einer bestehenden Kundenbeziehung zu nutzen, ist ein erster Schritt, die Lebenswelt der Kunden als Startpunkt der Überlegungen zu setzen. Kunden möchten ihre Zeit, Kosten und Lebensqualität in Echtzeit optimieren. Bei der Entwicklung gilt also eine strikte Fokussierung auf alltägliche Probleme, Herausforderungen und deren Kontext. Mit Lean-Service-Creation-Methoden und Design Thinking können beispielsweise schnell erste Lösungsansätze für Nutzerprobleme erarbeitet und validiert werden. In agilen Teams und mit iterativen Prozessen, also einem Kreislauf aus testen – lernen – verbessern, besteht die Möglichkeit, digitale Produkte und Services schnell und skalierbar auf den Markt zu bringen. Getreu dem Motto: „Act like a start-up, scale like an enterprise”.

Plattformen und Ökosysteme als Grundlage für neue Service

Ein erstes Ergebnis der Zusammenarbeit ist die Volkswagen Plattform We-Commerce. Dabei handelt es sich um einen integrierten Service, der dem Fahrer Handlungsempfehlungen zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort gibt und dazugehörige Angebote von Unternehmen plattformbasiert zur Verfügung stellt. Der Aufbau von Plattformen sowie deren dazugehörige Ökosysteme ist für Automobilhersteller generell eine effiziente Möglichkeit, um neue Geschäftsmodelle zu etablieren und Nutzerbedürfnisse zu erfüllen.

Unternehmen agieren hierbei als Orchestratoren eines Netzwerks und platzieren sich mit einer Plattform zwischen Anbieter und Nachfrager. Sie selber produzieren dabei nicht, sondern agieren nur geschickt als Vermittler. Aber: Sie bestimmen die Spielregeln für alle anderen Akteure. Plattformen gestatten es Unternehmen, viele Kunden zu vergleichsweise niedrigen Kosten zu erreichen und eröffnen die Möglichkeit, neue Erlösströme zu generieren. Der Taxi-Dienstleister Uber etwa besitzt keine Autos. Airbnb keine Hotels und Facebook generiert keine eigenen Inhalte. Doch sie alle machen es dem Nutzer angenehmer und zeitsparender, ihre Bedürfnisse zu erfüllen.

Immer mehr Unternehmen schließen sich dafür im Kampf um den Kunden in Kooperationen zusammen. Das Stichwort lautet: Ökosysteme. Alle Teilnehmer einer Wertschöpfungskette können so miteinander interagieren und ihr Portfolio ergänzen. Das macht sie flexibler, schneller, wirkungsvoller. Ein weiteres Beispiel: Die Peer-to-Peer Carsharing Plattform sharoo wird betrieben von der Supermarktkette Migros, dem Versicherungspartner Mobiliar, dem Autoimporteur AMAG sowie dem Carsharing Pionier Mobility.

Sicher ist: Mobilität wird in Zukunft neu gedacht werden müssen. Autohersteller müssen sich den neuen Herausforderungen einer dynamischen, digitalen Entwicklung stellen. Der Schlüssel zu einem erfolgreichen Geschäftsmodell ist der Kunde. Denn er bestimmt zukünftig immer stärker mit: Nicht der Mensch stellt sich auf das Auto ein, sondern das Auto auf den Menschen. Das müssen Unternehmen erkennen und die Bedürfnisse des Kunden flexibel bedienen. Plattformen und der Aufbau von kooperativen Ökosystemen mit anderen Unternehmen sind der Weg, um in Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben.

Interesse an mehr Informationen und einen persönlichem Gespräch zur Arbeitsweise des Teams? Treffen Sie den Autor am IBM-Stand in der „New Mobility World“ auf der IAA vom 12.- 17.9.2017. Mehr Infos hier

 

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