Zukunft Industrien

Digital Health: Kooperatives Denken gefragt

Wer visionäre Ideen in konkrete Produkte und Dienstleistungen verwandeln will, braucht Unterstützung. Wenn es etwa darum geht, innovative Ansätze zur Diagnose und Therapie von Krankheiten voranzubringen, müssen viele Seiten zusammenarbeiten: Wissenschaftler, Kliniker, Gründer, Investoren und Industrievertreter. Die BioVaria, eine von europäischen Technologietransfer-Organisationen initiierte Konferenz, bietet seit 10 Jahren ein Forum, auf dem all diese Welten zusammenkommen und Partnerschaften initiieren können.

Mit dem Zukunftsthema „Digital Health“ ergeben sich neue Chancen, die über das klassische Life-Sciences-Ökosystem hinausgehen und digitale Technologien, IT-Experten und -Firmen mit einschließen: neue Möglichkeiten zur interdisziplinären Kooperation und Ideen für visionäre Produkte und Dienstleistungen, von denen Millionen von Patienten profitieren könnten.

Bart de Witte, Director Digital Health DACH bei IBM, und Prof. Torsten Haferlach, Geschäftsführer der MLL Münchner Leukämielabor GmbH, geben mit ihrer Kooperation ein konkretes Beispiel. Daraus ergeben sich viele inspirierende Impulse, nicht nur für die Teilnehmer der BioVaria, sondern das gesamte Ökosystem Life-Sciences.

Präzisere Diagnosen dank Digital Health möglich

Erkrankungen könnten viel präziser diagnostiziert und behandelt werden.
Wenn zum Beispiel bekannt ist, an welchem Leukämie-Subtyp ein Patient erkrankt ist, kann er unter Umständen genau passend therapiert werden. In einzelnen Fällen kann die Überlebenschance dadurch deutlich steigen. Allerdings erfordert eine solch detaillierte Diagnose die integrierte Auswertung vielfältiger phänotypischer und genotypischer Daten. Kognitive Computing-Tools können hier einen echten Unterschied machen, weil sie schneller mehr Daten verarbeiten können und dabei weniger fehleranfällig sind als Menschen. Für die Praxis der medizinischen Diagnostik ist das insbesondere für Regionen bedeutsam, in denen wenig medizinische Expertise vorhanden ist.

Beidseitiges Interesse an Kooperation

Forscher und Kliniker könnten mit Hilfe smarter Algorithmen rasante Fortschritte erzielen, sowohl in der Grundlagenforschung als auch in der Patientenversorgung. An vielen Instituten, Kliniken und Universitäten existieren wahre „Schätze“ an Daten, die einen hohen Anreiz für IT-Unternehmen bieten. Denn letztere haben zwar die Tools, um große Datenmengen sinnbringend auszuwerten, aber ohne Kooperation keinen Zugang zu den benötigten Daten. Das heißt, gemeinsam könnte man sehr viel erreichen. Es bedeutet auch, dass viele öffentliche Einrichtungen, die an einer Zusammenarbeit im Bereich Digital Health interessiert sind, reelle Chancen haben, bei IT-Firmen auf Interesse zu stoßen. Das ist ein Aspekt, der mehreren Vertretern der öffentlichen Forschung bislang nicht so deutlich ist.

Digital Health verspricht bessere Diagnostik dank Daten und kognitiven Analysen.

Markt mit enormer Dynamik

Diejenigen, die sich zuerst auf einem Gebiet positionieren, werden es am Ende mit großer Wahrscheinlichkeit beherrschen. Die Systeme beschleunigen sich gewissermaßen selbst: Diejenigen, die zuerst starten, werden rasch die größte Menge und höchste Qualität an Daten haben. Also werden sie die besten Ergebnisse liefern und dadurch immer mehr Nutzer anziehen. Dieser Gedanke ist nicht unerheblich bei der Überlegung, ob man sich in dem Bereich Digital Health engagieren möchte.

Natürlich gibt es auch noch offene Fragen, zum Beispiel: Wie lässt sich sicherstellen, dass Daten, die als Grundlage für Diagnosen und Therapieempfehlungen genutzt werden, valide und robust sind? Wie soll man künftig klinische Studien planen, wenn jede Erkrankung in zig Subtypen differenziert werden kann? Wie schnell werden sich Markt und medizinische Praxis verändern?

Bislang lässt sich vieles nicht abschließend beantworten. So bleibt die Frage, welche Rolle man spielen möchte beim Finden von Antworten und Gestalten einer Digital Health – egal auf welcher Seite man steht: Klinik, Grundlagenforschung, Technologietransfer, biopharmazeutische Industrie oder IT. Klar ist, dass all diese Welten zusammenkommen müssen, um etwas zu bewegen. Und der erste Schritt ist immer ein Gespräch, der persönliche Kontakt mit einem Vertreter aus der „anderen Welt“. Immer wenn das gelingt, können große Visionen der Realität ein Stückchen näher kommen.

Die BioVaria bietet dafür eine Chance. Informationen zu Vorträgen, Technologien und Ausgründungen, die bei der 10. BioVaria vorgestellt wurden, finden Sie online unter: www.biovaria.org. Der Termin für die 11. BioVaria ist der 24. April 2018, München.

 

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J.-Uwe Meyer

Love your article, Ester. The future of healthcare will be designed by institutions and enterprises which will have develeoped collaborative business models based on shared digital health services and shared APIs of systems which are individually owned by the participating partners.

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