IBM Welt

Fragen, die Watson nicht beantworten kann

Zwei große Trends und nachhaltige Entwicklungen kommen gegenwärtig zusammen: die kollaborative Ökonomie und die autonome respektive automatisierte Welt. Grundlage hierfür sind regelmäßig digitale Technologien. Konsens herrscht darüber, dass KI eine ganz entscheidende Rolle einnehmen wird. Meine Meinung hierzu: Die ganze Nummer wird brutal: brutal positiv und gleichzeitig brutal negativ. Aber der Reihe nach; und mal ein etwas anderer Einstieg ins Thema.

Wir stehen vor enormen Herausforderungen und Problemen. Wir: die Menschen – jedes Individuum, Familien, Gruppen, Vereine, Firmen, Kommunen, Werte- und Interessensgemeinschaften und so weiter. Die Probleme sind mannigfach: Angefangen bei „keiner Zeit“, dem fehlenden Parkplatz am Shoppingcenter, der Vorweihnachtszeit und eine schwächelnde Gesundheit über fehlende Perspektiven im Job zu geringen Einkommen, der Umweltverschmutzung im Allgemeinen und Flüchtlingen im Besondern bis hin zu Krieg, wirtschaftlichem Protektionismus und natürlich dem schlechten WLAN im ICE. 

Der Junge auf dem weißen Pferd wird nicht kommen

Klar ist: Ein „Weiter so“ kann es nicht geben. Trotz – oder auch wegen – der weltweiten Krisen, persönlicher Probleme und gesellschaftlicher Herausforderungen bewegen wir uns in einer global vernetzten Welt mit grenzenloser Kommunikation und naht- bzw. randlosen Volkswirtschaften, deren Autorität infrage gestellt wird. Im Zentrum dieser Entwicklungen stehen Entwicklungen, die sich in den letzten 20 bis 30 Jahren angedeutet haben. Insbesondere aus dem technischen Umfeld.

Und jetzt, wo scheinbar alle störenden Nebenbedingungen gelöst wurden, zu einer Zeit, wo unterschiedliche technische Systeme einen sehr hohen Reifegrad erlangt haben, kommt es zum großen Durchbruch, der alles verändern wird. Brutal: Krebs wird geheilt, Parkplätze werden nicht mehr benötigt. Autos fahren eigenständig. Menschen arbeiten liebevoll, effektiv und effizient zusammen. Rohstoffe werden verantwortungsbewusst genutzt. Und so weiter. Die Möglichkeiten sind gigantisch. Und richtig eingesetzt, ermöglichen sie ein noch besseres Leben (für alle). (Spoiler: Es wird aber nicht so kommen, da die Möglichkeiten nicht nur für Schönes und Gutes genutzt werden).

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Welche Möglichkeiten wird uns die Zusammenarbeit mit Künstlicher Intelligenz bieten?

Über Intelligenz,  Intelligence KI, AI, und …

Essentielle Grundlage für die notwendigen Veränderungen ist je nach Denkschule und Marketingsprech der eigentliche Ansatz – respektive die Lösung. So kann  – einerseits – AI oder KI der Versuch sein, eine menschenähnliche Intelligenz nachzubilden; also einen „Computer“ so zu programmieren, dass dieser eigenständig wie auch immer geartete Probleme bearbeiten kann.  Herausforderung: Ein Ziel dieser Bemühungen ist die wirklich reine und wahre AI. Die wahre Intelligenz, die die Intelligenz der Menschen nachahmt und/oder übertrifft. AI, die wahrnehmen, denken und handeln kann. Klar, das ist noch ein weiter Weg. Und was passiert, wenn das menschliche Verhalten, also nicht nur das schöne, gute, humane Handeln, Wahrnehmen und Denken, sondern auch die bösen, brutalen Muster der Menschen nachgeahmt – oder sogar besser – umgesetzt werden, will ich mir gar nicht ausmalen.

Anderseits

Der Ansatz, eigenständig Probleme zu bearbeiten, wird mit Watson so nicht verfolgt. Watson soll vielmehr den Menschen dabei helfen, ihre Expertise zu vertiefen und Probleme zu lösen. Dabei verstehen (understand) Kognitive Systeme, ziehen Schlüsse (reason) und lernen (learn). Es geht dabei immer um das Zusammenspiel von Mensch und Maschine. Kognitive Systeme sind in diesem Modell dazu da, die die Expertise des Menschen zu erweitern.

Entwicklungen

Die momentanen Entwicklungen sind gigantisch. Die Möglichkeiten scheinbar unbändig: Da nutzen Ärzte die Watson-Plattform, um komplexe medizinische Fälle zu lösen. Firmen wie Microsoft behaupten, den Durchbruch erlangt zu haben bei Technologien, um Zellen zurück in einen gesunden Zustand zu programmieren, und kündigen an, in der Lage sein zu können, Krebs in weniger als 10 Jahren zu heilen. Google ist auch dabei und schafft das Hirn für Sensornetzwerke. Googles „Deep Mind“-Plattform soll ohne zusätzlichen menschlichen Input lernen können. Die Liste könnte beliebig weitergehen: Salesforce mit der Einstein-Initiative und so weiter.

Dabei ist das Spektrum an Lösungen und Möglichkeiten gigantisch brutal. Es gibt scheinbar unendliche Einsatzszenarien: Wie bereits erwähnt im medizinischen Umfeld, bei selbstfahrenden Fahrzeugen. Aber auch das ist möglich: „IBM Watson creates the first AI-made film trailer – and it’s incredibly creepy”. Und das wird zukünftig keine Seltenheit mehr sein. Im Gegenteil. Lösungen wie Watson werden uns zukünftig auf Basis unserer individuellen Wünsche, Stimmung oder Situation Musik komponieren. (Glaubst du nicht? Dann guckst du hier.)

Einige Fragen hätte ich da schon noch

Natürlich repräsentieren Lösungen wie Watson, eine der jüngsten Neuheiten, einer ganzen Reihe von bahnbrechenden Innovationen von unter anderem IBM, um die Welt ein weiteres Stück intelligenter zu machen, die nahe Zukunft. Was immer auch „intelligenter zu machen“ bedeutet. Watson ist ein mehr oder weniger intelligentes Computersystem. Ein System, das auf Artificial Intelligence (AI) aufbaut. Und mit AI steht „die Menschheit“ vor einem technologischen Sprung, der die Lebensweise, die Arbeit und die Beziehungen der Menschen unter- und zueinander grundlegend verändern wird. Dabei werden die konkrete Bedarfe auf Basis der zurzeit über 80 Services aus Daten, Informationen und der Erkenntnisse daraus befriedigt.

Watson – und ähnliche Systeme anderer Hersteller – liefern Erkenntnisse, beantworten gestellte und nicht gestellte Fragen und entscheiden zunehmend selbst. Doch bevor es soweit kommt, sollten wir uns selbst noch einige Fragen stellen und beantworten. Einige dieser Fragen sind essentiell, andere sind wichtig für das allgemeine Verständnis, aber eigentlich nicht relevant.

Also: Fragen zu einigen Themen

  • Ich habe oben das Beispiel mit der individuellen Musik gebracht: Werden wir zukünftig eher individuelle, AI-generierte Musik konsumieren oder von Menschen gemachte Musik? Und wenn AI-Musik: Wem gehört sie, wer darf sie hören oder die Informationen darüber nutzen? Auf welcher Grundlage wurde diese Musik erstellt, auf der Gefühlssituation anderer Menschen oder vorhandener Musik von Westernhagen, ZZ Top oder Mozart? Wer wird für seine Leistung bezahlt? Und muss ich mir überhaupt die Frage stellen, was Besitz in diesem Zusammenhang bedeutet? Und werde ich überhaupt noch einen solchen Bedarf haben?
  • Nehmen wir das gerne genommene Thema autonome Fahrzeuge: Gehen wir mal davon aus, dass in 9 oder 11 Jahren fahrerlose Fahrzeuge bzw. selbstfahrende Kfz alltäglich sind. Der Transport von Mensch oder Gütern wird zur Transaktion, bei der Daten anfallen. Wem gehören die Daten? Und ist diese Frage relevant? Was passiert, wenn ich bei einer solchen Fahrt etwas Illegales mache? Kann ich Daten löschen, die von Sensoren erfasst wurden?
  • Stellt meine Timeline einen Wert dar, ist das IP? Wer darf sie nutzen? Worauf werden zukünftige IP-Modelle basieren, und welche Rolle spielen Privatsphäre, Besitz und Beziehungen? Was ist, wenn ich das Unternehmen oder die Gesellschaft verlasse?
  • Welche Bedeutung werden physische Gegenstände haben, wenn alles digital wird? Wie kann ich mich und meinen Besitz schützen – was immer „ich“ und „mein Besitz“ sein wird?
  • Was ist, wenn die Geräte in der IoT-Welt miteinander reden, lästern oder sich nur „Halbwahrheiten“ erzählen? Oder mein Kühlschrank meiner Versicherung erzählt, dass ich nur „Müll“ eingekauft habe? Werden „mood-casters“ in meiner Wohnung – oder im Hotelzimmer – ihre Metadaten mit den Besitzern, Betreibern oder sonstigen Dritten teilen?

Das waren jetzt nur einige Beispiele. Wahrscheinlich wirken die ein wenig wirr auf dich. Aber ich könnte weitermachen. Mit 3D-Druck, Virtual und Augmented Reality und so weiter. Oder mit Fragen wie: Werde ich AI respektive die darauf basierenden Services kaufen oder mieten? Und was ist, wenn ich mir die monatliche Rate nicht mehr leisten kann? Werde ich dann aus der Gesellschaft ausgeschlossen? Oder wird es ein Grundrecht auf den Zugang zu AI geben? Oder die Sache mit den zukünftigen Suchmaschinen? Fragen über Fragen …

Aber machen wir es kurz

Durch skizzierte Lösungen wie Watson werden wir zahlreiche Vorteile erzielen können, wenn wir diese neuen Möglichkeiten richtig nutzen. Der Wert wird exorbitant hoch sein. (Nenne mir den Preis für ein Menschenleben, das auf Basis Watson-basierter Intelligenz gerettet wurde. Nenne mir den Preis für die Freude von Eltern eines stummen Kindes, das sprechen kann. Nenne mir den Wert einer selbstfliegenden Drohne, die beim Anti-Terroreinsatz nur den Terroristen ausschaltet und nicht auch noch 100 Zivilisten.)

Doch um diesen Schatz heben zu können, müssen wir Fragen klären, Themen diskutieren, Rahmenparameter schaffen. Diese können global-galaktisch sein und die großen Probleme unserer Lebenswelt lösen. Sie können aber auch nur unser Unternehmen betreffen, etwa wie wir zukünftig zusammenarbeiten oder Mitarbeiter einstellen und entwickeln wollen. All diese Fragen müssen wir jetzt beantworten. Denn Watson wird darauf (noch) keine Antwort haben.  Noch nicht ….

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Sven Semet

Hi Axel,
klasse geschrieben – gefällt mir gut. Speziell folgende Statements “Durch skizzierte Lösungen wie Watson werden wir zahlreiche Vorteile erzielen können, wenn wir diese neuen Möglichkeiten richtig nutzen. Der Wert wird exorbitant hoch sein. Nenne mir den Preis für ein Menschenleben, das auf Basis Watson-basierter Intelligenz gerettet wurde. Nenne mir den Preis für die Freude von Eltern eines stummen Kindes, das sprechen kann.”

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