Zukunft Industrien

Digitalisierung der Energiewirtschaft – Evolution oder Revolution?

Branchen verändern sich fundamental. Denken wir an den Umbruch in der Fotografie von analog zu digital oder auch in der Medienbranche: Vinyl wurde durch die CD und anschließend von Web-Download-Angeboten überholt. Derzeit lautet das Trendthema: Streaming. Möglich gemacht wird das alles durch digitale Technologien und digitale Infrastruktur, die enorme Bandbreiten ermöglichen.

Ein Vier-Personen-Haushalt in Österreich verbraucht im Durchschnitt 4.000 Kilowattstunden pro Jahr an Strom. Ein Leben ohne diese Energie ist für uns unvorstellbar. Zusätzlich digitalisiert sich die Gesellschaft immer mehr – wir werden nahezu überrollt. Wir leben in intelligenten Häusern, arbeiten in smarten Fabriken und – nicht zu vergessen – das Smartphone ist unser ständiger Begleiter. Bis 2020 sollen sechs Milliarden Nutzer eines in ihren Händen halten. Warum sollte diese Bewegung also an der Energiebranche vorbeiziehen?

Etablierte Versorger müssen sich an den rapide wandelnden Markt anpassen. Durch diese digitale Transformation eröffnen sich für die Energiebranche ganz neue Chancen in Bezug auf Effizienzsteigerung und neue Geschäftsbereiche. Auch ein agiles Kundenmanagement wird dadurch möglich.

Viele Industrien setzen auf das Internet der Dinge. Für die Infrastrukturbetriebe im Energiesektor ist dies nichts Neues, das erste Internet-of-Things-Konzept war die Einführung des Smart Grid, also die digitale Erfassung von Verbrauchsdaten. Dieses intelligente Stromnetz ist auch die Schnittstelle zwischen IT- und der Welt der Stromversorgung. In Zeiten, in denen Strom aus verschiedenen Energiequellen gewonnen wird, müssen sowohl die Verteilnetze, als auch die Stromerzeugung effizient abgestimmt werden. Da es sich hierbei um eine große Menge an Daten handelt, die Vorhersagemodelle benötigen, zum Beispiel bezogen auf das Wetter oder den Stromverbrauch, bieten IoT-Plattformen mit integrierten Analytics-Lösungen die ideale Voraussetzung dafür. Auch IBM hat in diese Entwicklung investiert, die IBM Insight Foundation for Energy ist eine Plattform, die Analytics-, Data Management- und Visualisierungslösungen anbietet.

Digitalisierung verändert Informationsflüsse, Machtpositionen und Nutzungsmuster

Damit die Energiewirtschaft die digitale Entwicklung für sich nutzen kann, muss sie zuvor gewisse Aufgaben bewältigen. Ein wichtiger Punkt ist die Klärung der regulativen Vorgaben. Da diese aus dem traditionellen Energiegeschäft kommen, passen sie nicht ideal zu den innovativen Businessmodellen im Rahmen der Digitalisierung. Wenn diese Rahmenbedingungen gesetzt sind, ist die Umstellung in der Energiewirtschaft nicht mehr allzu groß, da sowohl der Geschäftsauftrag, als auch die Anlagen bereits eine gute Basis für die digitale Infrastruktur bieten.

Die größte Herausforderung stellt der betriebswirtschaftliche Mehrwehrt der neuen Dienstleistungen dar. Aufgrund der niedrigen Energiepreise müssen die zukünftigen Dienstleistungen und Produkte außerhalb des Kerngeschäftes gefunden werden. Daher haben viele Unternehmen aus der Softwareentwicklung in den vergangenen Jahren Industriewissen angesammelt und die Organisation nach branchenspezifischen Plattformen ausgerichtet.

Neue Businessmodelle entstehen

Das Grundmodell des Netzbetreibers ist die Nahversorgung der Endkunden, in diesem Fall mit Energie. Eine Strategie könnte sein, den Netzbetreiber zum regionalen Retailer für Waren aller Art zu machen. Auch wenn es große internationale Unternehmen gibt, die im Bereich Versand von Waren aller Art aktiv sind, wird es betriebswirtschaftlich nicht sinnvoll sein, alle Unternehmen und Personen in Österreich global zu beliefern. Hier kann die Energiebranche eine Lücke schließen, die sich auf Grund des gestiegenen Komfortwunsches der Endkunden in Zukunft noch vergrößern wird. Die wesentlichen Voraussetzungen sind zum einen die klare Vorgabe von staatlichen Stellen, wie sich diese Geschäftsmodelle zum Kerngeschäft der Energieversorgung abgrenzen, und zum anderen das Identifizieren von neuen Partnerschaften zwischen der Energieindustrie und der Fertigungsindustrie sowie dem Dienstleistungsbereich. Einige der Unternehmen aus dem Energiebereich haben bereits hauseigene IT-Dienstleister, die können bei der Realisierung dieser neuen Businessmodelle unterstützen.

Aufgrund der Transformation im Energiebereich in den letzten Jahren, getrieben durch die Vorgaben aus der Energiewende, beschäftigt sich IBM seit längerem mit Lösungen für die Energie- und Netzbetreiberindustrie. Außerdem ist die Entwicklung im städtischen Bereich ebenfalls mit dem Thema Energie und Energie-Effizienz verbunden. Die Optimierung der Stromversorgung durch Wind- und Photovoltaik-Lösungen hat IBM die Chance geboten, einige Projekte erfolgreich zu begleiten.

Erwartungen an die digitalen Strommärkte

Durch den Einsatz von IoT-Plattformen in der Verteilnetzindustrie wird es gelingen, das Demand-Side-Management effizienter zu gestalten. Mit der Integration der Informationen von der Strombörse, den Wetterdaten und des Konsumentenverhaltens kann die Abstimmung aller Beteiligten verbessert werden. Die Rentabilität aus diesem Bereich wird aber auch in Zukunft limitiert sein, da die Energieeffizienz pro Endgerät jährlich steigen wird und die Preise für Strom und Gas nicht wesentlich ansteigen werden.

Neben der Optimierung des Demand-Side-Managements, sprich die Laststeuerung des Stromverbrauchs der intelligenten Stromnetze, werden die Endkunden der Netzbetreiber in Zukunft vermehrt Dienstleistungen einfordern, die abseits des heutigen Kerngeschäftes liegen. Eine ähnliche Entwicklung gibt es bereits im Mobiltelefonbereich. Um hier erfolgreich zu sein, müssen vor allem die regulativen Vorgaben geklärt werden und im zweiten Schritt dann die Geschäftsfälle außerhalb der Tätigkeit als Energieversorger.

Ein mögliches Geschäftsfeld, das für die Energiebranche von Interesse wäre, ist das Anbieten von Mobilitätslösungen oder auch das Ausstatten von Wohnungen für Personen, die im Alter soziale und medizinische Betreuung benötigen. Vor allem das letztgenannte Geschäftsmodell unterstützt auch die demographische Entwicklung der österreichischen Gesellschaft. IBM hat so ein Projekt bereits in Bozen realisiert und damit geholfen, den öffentlichen Haushalt im Bereich Altenbetreuung zu entlasten.

Eines steht allerdings fest: Ob in der Energiegewinnung, beim Transport oder im Vertrieb – die zukünftige Energiewirtschaft wird von der Digitalisierung geprägt sein.

 

 

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Walter Schmitz

Guten Tag Herr Kottinger,

Ihre Ausführungen kann man weitgehend zustimmen. Allerdings würde ich als Berater der Energiewirtschaft – zumindest für Deutschland – doch noch einige Hindernisse sehen. Diese hier einmal kurz angerissen:

– jahrzehntelanger Fokus auf wenige Geschäftsmodelle; stark durch Prozesskostenoptimierung getrieben; macht Unternehmen wenig flexibel,wenn es um die Entwicklung neuer Geschäftsfelder geht,
– wenig echtes Produkt- oder Innovationsmanagement, wie es z.B. die Markenartikelindustrie, praktiziert,
– sicherheitsorientierte Denkweise,
– IT ist bei kleinen Versorgern oft an Dienstleister outgesourct – war bislang nicht Kern der Wertschöpfung,
– angestammten Versorgungsgebiete der Stadtwerke sind oft zu klein, um alleine die Skaleneffekte für neue Produkte zu gewährleisten,
– es ist manchmal schwierig, die Gesellschafter (Kommunen) von der Notwendigkeit von Investitionen in neue Produkte und Geschäftsfelder zu überzeugen.

Letztlich lassen sich aber auch diese Hindernisse durch entsprechende Arbeitsansätze überwinden, wenn man Denkweisen und Mentalitäten der Versorgerbranche richtig adressiert.

Beste Grüße

Walter Schmitz

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