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Robot-Recruiting: Die Chancen der technikgestützten Personalbeschaffung

Mit dem Begriff Robot Recruiting wird eine teilweise Automatisierung des Recruiting-Prozesses beschrieben. Anhand eines Algorithmus erfolgen Beurteilung und Auswahl geeigneter Bewerber. Dieser kann auch Jobinteressierten automatisiert offene Stellen empfehlen oder dem Unternehmen geeignete Bewerber vorschlagen. Kognitive Systeme können im Bereich Human Resources vielseitig eingesetzt werden.

Als Bewerber steckt man viel Zeit und Mühe in die Erstellung der Bewerbungsunterlagen. Nachdem man die eigenen Unterlagen per Mail versendet hat, erhält man drei Tage später eine Absage. Die E-Mail geht um 9:10 Uhr ein. Die zusätzlich zehn Minuten sollen das Gefühl vermitteln, die E-Mail stammt von einem Personaler, der sich am Vormittag viel Zeit bei der Sichtung der Unterlagen genommen hat. Tatsächlich hat ein Algorithmus den Bewerber nach bestimmten Kriterien systematisch aussortiert – noch vor dem ersten Vorstellungsgespräch. Aktuell werden ein Großteil der Ab- bzw. Zusagen noch von Personalverantwortlichen geschrieben, aber die Automatisierung beginnt bereits. Laut einer Studie des Centre of Human Resources Information Systems der Universität Bamberg, nutzen 2,4 Prozent der Top 1.000 Unternehmen in Deutschland bereits Robot Recruiting. Die Tendenz ist steigend.

Der Kern von Robot Recruiting ist das automatisierte Matching auf Basis von semantischer bzw. ontologischer Algorithmen. Beim sogenannten CV-Parsing, auch Lebenslaufanalyse genannt, kann ein formloser, unstrukturierter Lebenslauf in ein strukturiertes Kandidatenprofil umgewandelt werden, das mittels Algorithmus durchsucht wird. Eine kognitive Analysesoftware scannt die Lebensläufe und Referenzen der Bewerber und analysiert diese nach vordefinierten Kriterien wie zum Beispiel Ausbildung, Weiterbildung oder Qualifikationen. Um den Bewerber Zeit zu sparen, sollten Personalverantwortliche den Datenimport von Businessprofilen wie z.B. XING oder LinkedIn ermöglichen. Bewerber können sich so leicht via App oder Karriereseite bewerben und weitgehend auf die manuelle Dateneingabe verzichten. Das Parsing ist zudem in mehreren Sprachen möglich. Der Human Resources Manager erhält anschließend eine erste Vorauswahl an Bewerbern.

Kognitive Systeme für ein intelligentes Matching

Beim Robot Recruiting geht es jedoch nicht um ein reines Abgleichen der Daten, der Fokus liegt auf dem intelligenten Matching. Der Algorithmus sollte zum Beispiel einem Trainee nicht wieder eine Trainee-Stellenausschreibung anzeigen. Beim Matching ist es entscheidend dem Bewerber die richtigen beruflichen Perspektiven aufzuzeigen, die auch zur aktuellen Lebenssituation passen. Der Algorithmus muss den konkreten Inhalt der Stellenausschreibung verstehen und dafür die Begriffe und Sätze im Zusammenhang analysieren können. Beim intelligenten Matching ist es zudem wichtig, die nächsten Karriereschritte des Bewerbers zu berücksichtigen. Ein IT-Consultant möchte sich weiterbilden und zum Beispiel in den nächsten drei Jahren zum Senior IT-Consultant aufsteigen. Um den Mitarbeiter langfristig zu halten, gilt es zu prüfen, ob diese Voraussetzungen im Unternehmen bestehen oder in den nächsten Jahren geschaffen werden können.

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Robot Recruiting modernisiert die Personalbeschaffung. Auch kognitive Systeme können im Bereich Human Resources vielseitig eingesetzt werden. Bildquelle: Fotolia

Vor- und Nachteile des Robot Recruitings

Die Vorteile des Robot Recruitings für Unternehmen sind offensichtlich: Die automatisierte Bewerberauswahl spart großen Unternehmen, die jährlich tausende von Bewerbungen erhalten, Zeit und Geld. Auch für Jobsuchende ist der größte Vorteil die Zeitersparnis. Bei der Bewerbung muss der Bewerber nicht mehr auf ein kreatives Layout oder auf die Formatierung achten. Auch geschönte Sätze im Anschreiben und Bewerbungsfloskeln entfallen. Der Kandidat kann einfach seine Daten aus seinen Businessprofilen importieren, seine Unterlagen hochladen oder manuell in entsprechende Online-Formulare eingeben.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Objektivität des Computers. Bei der Auswahl wird keine Rücksicht auf Aussehen, Herkunft oder Geschlecht genommen, hier ist der Roboter dem Menschen einen Schritt voraus. Der Verlust von Individualität und Persönlichkeit ist hingegen ein Nachteil. So besteht das Risiko, dass Topkandidaten vom System aussortiert werden, weil sie nicht dem Standard entsprechen. Negative Auswirkungen hätte dies vor allem in Branchen mit starkem Fachkräftemangel. Durch die Bewerberauswahl nach gleichen Kriterien kann auch die Vielseitigkeit der Mitarbeiterfähigkeiten eingeschränkt werden.

Ob der Einsatz von Robot Recruiting in Form von Vorauswahl der Bewerbungen sinnvoll ist, hängt vor allem von der Größe des Unternehmens ab. Das System lohnt sich nur bei einer gewissen Menge von Bewerbungen durch einen kontinuierlich hohen Personalbedarf. Hinzu kommt, dass für die Erstellung von guten Musterprofilen eine große Datenmenge benötigt wird, über die kleine und mittlere Unternehmen in der Regel nicht verfügen.

Active Sourcing: Mit Robot Recruiting gegen den Fachkräftemangel

Neben der effizienten Bewerberauswahl gibt es weitere Möglichkeiten für Robot Recruiting. So können Angestellte, die nicht über einen Jobwechsel nachdenken, gezielt angesprochen werden. Durch Robot Recruiting kann genau aufgezeigt werden, auf Grundlage welcher Zahlen und Fakten die Person auf die jeweilige Stelle am besten passt. Immer mehr Unternehmen betreiben Active Sourcing, um Fachkräfte für sich zu gewinnen. Laut Mittelstandsbarometer klagen 49 Prozent der mittelständischen Unternehmen über Umsatzeinbußen aufgrund von Fachkräftemangel. Den Schaden schätzen die Berater auf aktuell etwa 46 Milliarden Euro im Jahr. Aktuell sind 360.000 Stellen unbesetzt, besonders in der IT-Branche. Hochmoderne Robots können gezielt nach vorgegebenen Kriterien IT-Portale wie z.B. Github durchsuchen. Soziale Netzwerke wie z.B. Facebook oder Twitter können ebenfalls durchsucht werden, liefern jedoch häufig nur wenig berufsrelevante Informationen. Die Robots tragen alle frei verfügbaren Informationen zusammen und stellen sie für den Personaler zu einem geclusterten Lebenslauf zusammen.

Einsatzmöglichkeiten von Chat-Bots mit IBM Watson Technologie

Wie kognitive System implementiert werden können, zeigte die New Yorker Entwicklerin Irene Chang während des TechCrunch Disrupt Hackathon im Mai 2016. Die grundlegende Idee des Programmes „The Chat Bot Club“ war es, einen Bot zu entwickeln, der Freunden im Chat antworten kann, sofern man selbst gerade beschäftigt ist. Der Bot soll mit der Zeit die eigene Persönlichkeit sowie den eigenen Schreibstil erlernen können. „The Chat Bot Club“ nutzt Cisco Spark und IBM Watson, um das Schreib- und Antwortverhalten des Nutzers zu erlernen und so immer authentisch zu reagieren. Selbst häufig verwendete Emojis erkennt der Algorithmus und nutzt diese in passenden Situationen.

„The Chats Bot Club” könnte beispielsweise im Mobile Recruiting eingesetzt werden. Laut einer Umfrage nutzten 2014 bereits 40 Prozent der Bewerber ihr Smartphone für die Jobsuche in Deutschland, 20 Prozent verwendeten spezielle Job-Apps, um sich zu bewerben. Denkbar ist der Einsatz von Chats-Bots zum Beispiel im Facebook-Messenger, in Job-Apps oder auf mobil-optimierten Karriereseiten. In Job-Apps könnte der Bot über den Messaging-Dienst die wichtigsten Fragen des Bewerbers klären, wie zum Beispiel welche aktuellen Stellenausschreibungen es in einem bestimmten Bereich gibt, welcher Job zum Jobinteressenten am besten passt oder einfach den Interessenten über Unternehmensneuigkeiten auf dem Laufenden zu halten.

Robot Recruiting trifft Mobile Recruiting

Bei der Ansprache zählt vor allem eine moderne und schnelle Art der Kommunikation. Die Generation Y leitet den Medienwechsel in der Jobsuche ein. So nutzen Millenials derzeit das Smartphone genauso oft wie den normalen PC. Das Berliner IT-Unternehmen truffls entwickelt seit Ende 2013 die gleichnamige Job-App mit Matching-Technologie. Der App-Nutzer kann einfach seine Daten von den Businessprofilen XING oder LinkedIn Daten importieren.

Der Vorteil des Mobile Recruitings liegt in der Zeitersparnis. Der Nutzer bekommt zum Lebenslauf passende Jobs angezeigt und kann mit einer Swipe-Bewegung nach rechts sein Interesse bekunden. Sofern der Personalverantwortliche den Kandidaten ebenfalls interessant findet, kommt es zum Match. Besonders hochqualifizierte IT-Fachkräfte wollen keine sechs Wochen auf eine Antwort warten. Der Prozess muss schnell und unkompliziert funktionieren.

Durch die Message-Funktion in der Job-App ist es für beide Seiten möglich schnell in Kontakt zu treten und zum Beispiel ein Telefoninterview oder persönliches Gespräch zu vereinbaren. So liefert Robot Recruiting durch Algorithmen die technischen Rahmenbedingungen, um schneller ein Match zu erhalten. In Kombination mit Mobile Recruiting kann der Jobinteressent schnell und von unterwegs mit dem Wunschunternehmen in Kontakt treten. Der Messenger ermöglicht eine schnelle, moderne Kommunikation mit dem Personalverantwortlichen.

Ein Blick in die Zukunft

Robot Recruiting wird voraussichtlich nicht nur in der Bewerbersichtung, sondern auch im aktiven Recruiting eine immer größere Rolle spielen. Besonders Unternehmen, die vom Fachkräftemangel betroffen sind, gehen von sich aus auf die Suche nach passenden Mitarbeitern und werden dabei mehr und mehr von Computern unterstützt.

Trotz vielfältiger Anwendungsmöglichkeiten und Effizienz hat auch das Robot Recruiting seine Grenzen und ist nur für die Vorauswahl von Bewerbern geeignet. Auf den höheren Ebenen des Bewerbungsprozesses ist die menschliche Beurteilung weiterhin unersetzlich. Denn Faktoren wie Sympathie, die mitentscheiden, welcher Kandidat wirklich auf die jeweilige Stelle und in das Unternehmen passt, lassen sich nicht von einem Roboter berechnen.

Bildquelle: Shutterstock

 

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