Zukunft Industrien

Die Beziehung zwischen Mensch und Maschine wird neu geschrieben

Künstliche Intelligenz – seit Mitte der fünfziger Jahre sind wir gleichzeitig fasziniert von den Versprechungen, beunruhigt über die Folgen und nicht selten frustriert von den Ergebnissen. Doch wir befinden uns gegenwärtig an einem Punkt, an dem die Spielregeln für den Einsatz intelligenter Systeme neu definiert werden – und anders als bei AI (Artificial Intelligence) sprechen wir heute von lernenden beziehungsweise kognitiven Systemen: Sie nutzen in einem niemals zuvor möglichen Ausmaß Daten aus unterschiedlichen Quellen und sind dennoch darauf ausgelegt, in der Interaktion mit Menschen ihre eigenen Fähigkeiten, ihr Wissen und ihr Können permanent zu erweitern.

Cognitive Computing beschreibt eine neue Klasse von Systemen, die lernen, argumentieren und in natürlicher Sprache mit den Menschen interagieren können. Für IBM bedeutet Cognitive Computing eine neue Ära im Einsatz und der Funktionsweise von Computersystemen. Bestimmte Fähigkeiten werden ihnen nicht mehr explizit anprogrammiert, sondern sie lernen und bilden ihr Verständnis aus Interaktionen und Erfahrungen, die sie mit ihrer Umgebung machen. IBM Watson ist ein solches kognitives – lernendes – System. Es wurde so konzipiert, dass es Daten, egal woher sie kommen und in welcher Form sie vorliegen, verarbeiten kann. Ein Meilenstein: Denn bisher sind rund 80 Prozent aller Daten unstrukturiert, wie beispielsweise Sensordaten oder Röntgenbilder, und deshalb für Computer nicht verwertbar.

Doch Watson kann noch mehr: Es ist in der Lage, Millionen von Textdokumenten oder Bilder und Videostreams in Sekunden zu erfassen, zu bewerten und zu verstehen. Auch bei der Auswertung von Maschinendaten hilft Watson: Die Datenmenge, die durch die Vernetzung von Maschinen mit dem Internet entsteht, wächst rasant. Dabei bleiben 90 Prozent dieser Daten ungenutzt. Die schiere Menge und Komplexität machen die Echtzeit-Analyse zu einer fast unlösbaren Aufgabe. Kognitive Technologien sind im Zeitalter von Internet of Things und Industrie 4.0 der einzige Weg, das wirtschaftliche Potential dieser Daten nutzbar zu machen.

Watson interpretiert Daten, um Muster und Verbindungen zu erkennen und so zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Daten und Informationen werden von dem System so aufbereitet und organisiert, dass der Umgang mit Inhalten sehr viel effizienter wird und das Unsichtbare sichtbar.

Watson versteht Sprache, registriert Nuancen in der menschlichen Semantik, lernt den Menschen mit seinen Intentionen und Wünschen zu verstehen und interagiert in einer Weise, die menschlichem Denken sehr ähnelt. Mit dem einzigen Ziel: uns klüger, wissender und intelligenter zu machen. Denn Cognitive Computing hilft uns, Zusammenhänge zu erkennen, die zuvor im Verborgenen lagen, neue Aspekte in Betracht zu ziehen, die wir vorher niemals bedacht haben oder die Konsequenzen von Entscheidungen zu erkennen, noch bevor sie getroffen werden.

Das klingt verheißungsvoll und ist es auch. Cognitive Computing ist ein echter Game Changer – vergleichbar mit dem Übergang von Tabelliermaschinen zu programmierbaren Computern. Wir stehen damit bereits inmitten des wahrscheinlich fundamentalsten Umbruchs in der Evolution des Computers. Denn lernende Systeme repräsentieren nicht nur eine weitere neue Technologie, sondern leiten eine vollkommen neue Ära ein, die den Umgang mit Computern massiv verändern wird. Damit verabschieden wir uns nicht nur von den deterministischen Systemen der Vergangenheit, sondern erweitern im Dialog mit einem System den gemeinsamen Horizont. Kognitive Systeme wie Watson arbeiten mit Wahrscheinlichkeitshypothesen – bieten also keine definitiven Antworten –, wägen ab und schlagen uns unterschiedliche Optionen vor. Viele, ja alle Branchen können davon profitieren. Die Medizin ebenso wie das Finanzwesen, Industriebetriebe oder Handelsunternehmen.

Dr. Larry Norton vom Memorial Sloan Kettering Cancer Center, einem der renommiertesten Krebszentren der Welt, das bei der Entwicklung personalisierter Krebstherapien schon länger mit Watson arbeitet, bringt es auf den Punkt: „Die Computerwissenschaft entwickelt sich schnell und die Medizin mit ihr. Das nennt man Koevolution. Wir helfen uns gegenseitig. Ich stelle mir zukünftig Situationen vor, in denen mein Patient, die Pfleger, mein Doktorand, der Computer und ich gemeinsam im Behandlungszimmer stehen und miteinander arbeiten“.

Der Erfolg kognitiver Systeme wird sich auch nicht mehr an Turing-Tests oder der Entwicklung möglichst perfekter menschlicher Klone orientieren. Wir brauchen kein technisches Abbild des Menschen, sondern praktische Hilfestellung, um Leben zu retten, Krankheiten zu behandeln, bessere Produkte zu entwickeln oder den Return-on-Investment zu steigern.

Daran arbeiten wir mit Hochdruck – und das seit vielen Jahren. Wir sind davon überzeugt, dass diese Technologie unsere beste – und vielleicht sogar unsere einzige – Chance ist, einige der größten Probleme unseres Planeten zu lösen: von der erfolgreichen Behandlung von Krebs über den Klimawandel bis hin zum besseren Verständnis komplexer wirtschaftlicher Zusammenhänge im Kontext des Internet of Things (IoT).

In München hat IBM dafür einen wichtigen Pfeiler errichtet. Ein neues, weltweites Zentrum, in dem es sich mehr als 1.000 IBM Mitarbeiter zur Aufgabe machen, die beiden größten Innovationen der jüngeren IT-Geschichte zu vereinen: das IoT mit dem Cognitive Computing. Ein Brückenschlag, der das Fundament für die digitale Transformation von Unternehmen bilden wird. So individualisieren Unternehmen mit Industrie-4.0-Technologien ihre Fertigung und entwickeln mit intelligenten Algorithmen neue Produkte und Dienstleistungen.

Die Grundlage dafür sind Daten: Gartner geht davon aus, dass in den nächsten fünf Jahren die weltweit generierten Informationen um 800 Prozent wachsen werden. Diese Daten sind zu 80 Prozent unstrukturiert. Das heißt, sie umfassen Wissen und Informationen in Form von Sprache, Bildern und Tönen. Diesen Schatz gilt es zu heben. Im Kleinen wie im Großen. Ein aktuelles Beispiel ist der Einsatz von Watson bei der Versicherungskammer Bayern (VKB) im Beschwerdemanagement. Die VKB arbeitet mit dem System, das nach intensivem Training nun zuverlässig in der Lage ist, den Unmut und Ärger, den die Versicherungskunden in ihren Schreiben äußern, zu erkennen und zur Bearbeitung automatisch an die richtigen Stellen weiterzuleiten. Das sorgt für eine schnellere Bearbeitung, zufriedenere Kunden und entlastet die Mitarbeiter.

Ein weiteres Beispiel ist der Einsatz des kognitiven Systems Watson im Geschäftsbereich Life & Health Reinsurance der Swiss Re. Das System wird den Rückversicherer unter anderem dabei unterstützen, Muster zu erkennen und Verbindungen herzustellen, um Informationen im richtigen Kontext interpretieren zu können. Unser Anspruch ist es darüber hinaus, gemeinsam mit Swiss Re eine Vision für Cognitive Computing in der Versicherungsbranche zu entwickeln.

In diesem Sinne möchte ich am Ende unseren ehemaligen CEO und Sohn unseres Firmengründers Thomas Watson Jr. zitieren: „Computer werden niemals das Sagen in unserer Welt bekommen oder die Notwendigkeit für unserer eigenes kreatives Denken ersetzen. Aber in dem wir Menschen von immer wiederkehrenden, gleichförmigen Aufgaben befreien, können wir sehr viel besser ihre intellektuellen Potenziale nutzen“.

Und ich möchte noch hinzufügen: Technologie ist nicht unser Schicksal, wir allein entscheiden über unsere Zukunft.

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Michael Povel

Schöner Beitrag, der die richtige Perspektive aufzeigt.

Drei Zitate, die ich wichtig finde:

“Wir brauchen kein technisches Abbild des Menschen, sondern praktische Hilfestellung, um Leben zu retten, Krankheiten zu behandeln, bessere Produkte zu entwickeln oder den Return-on-Investment zu steigern.”

“(…) in dem wir Menschen von immer wiederkehrenden, gleichförmigen Aufgaben befreien, können wir sehr viel besser ihre intellektuellen Potenziale nutzen“.

“Technologie ist nicht unser Schicksal, wir allein entscheiden über unsere Zukunft.”

Gerade die letzte Aussage sollte als dringender Aufruf an Wirtschaft, Politik und Gesellschaft gesehen werden, hier wesentlich mehr zu tun – die Zeit drängt, wenn man das Heft des Handelns in der Hand behalten will.

Man erinnere sich in diesem Zusammenhang an Joseph Weizenbaum, einen der Pioniere des Künstlichen Intelligenz. Er sagte: “Ich bin kein Computer-Kritiker. Computer kann man nicht kritisieren. Ich bin Gesellschafts-Kritiker.”

Also nicht über die neuen Technologien jammern, sondern die richtigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen schaffen und die Potentiale ganz praktisch zum Wohle der Menschen nutzen.

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