Künstliche Intelligenz

Die Twin-Transformation von Unternehmen ist ein Turbo-Booster

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Nachhaltigkeit hat sich zu einem „must have“ entwickelt. Der Druck ist massiv gestiegen durch Investoren- und Kundenerwartungen sowie durch schärfere Gesetze, verbunden mit höheren Strafen. Vor allem aber: durch den Wettbewerb. Immer mehr Unternehmen zeigen, dass Nachhaltigkeit ein Turbo Booster für ihr Geschäft ist.

Unternehmen, die ihre Digitalstrategie mit ihrer Nachhaltigkeitstransformation kombinieren, gehören zu den erfolgreichen Vorreitern der Zukunft. Diese sogenannten „Trailblazer“ machen 13 Prozent der Unternehmen aus (IBM Studie, 2022). Sie erreichen ihre digitalen Vorhaben sowie ihre Nachhaltigkeitsziele und reduzieren dabei gleichzeitig Kosten und steigern insgesamt ihre Effizienz. Dennoch verfolgen noch zu wenige Unternehmen das Potenzial der Twin-Transformation und verpassen damit die Chance, einen Win-Win und die richtige Geschwindigkeit zu erreichen. 

Ein Interview mit Elisabeth Goos (Partner, Head of Enterprise Strategy – Industry Transformation & Sustainability IBM DACH) mit Katrin-Cécile Ziegler (Tech-Journalistin & Digital Economist) über die First Steps, das Potenzial neuer Geschäftsmodelle, technischen Irrglauben und schwarze Schafe. 

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Elisabeth, was ist der erste Schritt als Unternehmen, um digitale Technologien für Nachhaltigkeit zu nutzen und das Thema voranzubringen?

Die Grundvoraussetzungen sind: Das Thema muss von der gesamten Unternehmensspitze verantwortet und vorangetrieben werden. Es braucht den Willen, die Nachhaltigkeitsstrategie mit konkreten Umsetzungsschritten zu beschleunigen und zwar direkt verzahnt mit der digitalen Transformationsagenda des Unternehmens. Und als konkreten ersten Schritt heißt es, erst einmal für Transparenz zu sorgen und zwar mit aussagekräftigen, akkuraten und möglichst kompletten Daten. Um bei den umweltbezogenen Nachhaltigkeitszielen zu bleiben: Wo stehen wir mit unserem Carbon Footprint auf der Ebene der Produkte, in unseren Lieferketten, bei unseren Lieferanten, unserem Einkauf? Wie sieht es zum Beispiel mit dem Plastikmüll bei Verpackungen aus? Welche Mengen von Giftstoffen werden emittiert?

Die Transparenz auf Basis von Daten ist der Dreh- und Angelpunkt: Wenn ich nicht weiß, wo ich stehe, weiß ich auch nicht, wo ich intervenieren muss, um besser zu werden. Ganz zu schweigen von einer aktiv gestalteten Agenda, die ja zum Ziel haben muss, die Qualität, den Umfang und die Geschwindigkeit von Maßnahmen ständig zu steigern. Übrigens: Wer seine Nachhaltigkeitsaktivitäten künftig nicht mit überprüfbaren Daten belegt, für den wird es nicht nur teuer (zum Beispiel durch das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz), sondern für den wird es auch viel schwieriger, Investoren zu überzeugen (u.a. EU-Taxonomy, EU Green Deal Programm).

Welche verschiedenen Technologien setzt IBM hierfür ein? 

Beispielsweise Blockchain, um volle Sichtbarkeit und Rückverfolgbarkeit zu gewährleisten. Wir haben einige hochspannende Anwendungsfälle, etwa in der Nahrungsmittel- und Textilbranche. Dort tracken wir beispielsweise die gesamte Wertschöpfungskette von der gepflückten Baumwolle auf dem Feld über das Spinnen und Färben in Asien bis zum T-Shirt im Geschäft in Europa.

Transparenz genügt aber leider noch nicht, um klimaneutral zu werden.

Es ist zunächst einmal die Basis. Die interessante Frage ist dann: Wo sind Ausreißer? Wo erkennen wir, dass es zu Verstößen kommt? Zum Beispiel bei emittierten Giftstoffen oder Verstößen gegen Abfallgesetze. Hier kommt dann so etwas Spannendes wie Künstliche Intelligenz mit ins Boot. KI kann sehr gut mit unstrukturierten Daten umgehen und Muster erkennen. Wenn ein Abfallteil, zum Beispiel Metall, nicht dem Muster entspricht, erkennt die KI das mittels Bilderkennung und kann es herausfiltern. Wir setzen das auch bereits bei Geschäfts- und Klimaberichten von Unternehmen ein – da erkennen wir in Blitzgeschwindigkeit Abweichungen und Widersprüche. Wenn wir das mit weiteren Datenquellen kombinieren, etwa Social-Media-Analysen, liefern wir sogar ein Frühwarnsystem mit. Die Kombination verschiedener erprobter Technologien in diesen Bereichen ist hocheffektiv!

Also sind das schon mal zwei wichtige Bausteine: Transparenz und das Erkennen und Korrigieren von Ausreißern. Wenn ich als Unternehmen nun auch meine Aktivitäten für die Zukunft verändern will, wie nutze ich die Technologien dann? Wie richte ich mich an den entscheidenden Stellen tatsächlich neu aus? 

Darin liegt das große Potenzial. Die Daten, die ich sichtbar und transparent gemacht habe, werden nun mit Hilfe von KI zusammengeführt. Aus diesen modelliert Watson dann verschiedene Szenarien und unterstützt dabei, intelligentere, dynamische Entscheidungen zu treffen und Best-Case Szenarien zu entwerfen. Wir sprechen hierbei von „Planning Analytics with Watson“. 

Ein Beispiel: Nehmen wir an, wir wollen im Einkauf ansetzen und Nachhaltigkeitskriterien mit den im Einkauf bekannten Parametern wie Qualität, Preis oder Ursprungsland kombinieren. Wir haben eine vorgegebene Qualität eines Produkts, zum Beispiel einer Textilfaser. Und ich möchte wissen, wie sich diese ändert, wenn ich Lieferanten integriere, die anteilig Bio-Fasern oder recycelte Fasern verwenden. Oder die ihre Produktion CO2-neutral steuern. Was bedeutet das für den Einkauf, wenn ich diese Nachhaltigkeitskomponenten einbaue? Wie verändert sich dadurch der Fußabdruck des Produkts? Welchen Einfluss hat das auf meine eigene Nachhaltigkeitsagenda? Erreiche ich meine C02-Ziele nun früher? Welchen Einfluss haben Lieferanten, die vielleicht die Qualität, aber einen suboptimalen Fußabdruck mitbringen? Wie ändern sich die Kosten insgesamt?

Das bedeutet, ich habe ein Art fiktives Spielbrett, wo ich an verschiedenen Schrauben drehen kann und sehe, was hat welche Auswirkungen und den besten Impact. Wie wurde das denn bisher in der Vergangenheit gelöst?

Genau, man hat ein Dashboard, das das alles visualisiert. Sehr viele Unternehmen erstellen ihr Reporting noch immer manuell mit Excel, selbst in globalen Konzernen. Das ist sehr aufwändig, umständlich und langsam. Wir können jedoch den Workflow mit unseren Produkten bereits voll automatisieren und intelligent ausrichten. Und das ist aus meiner Sicht der entscheidende Punkt: Hierdurch bekommen wir richtig Geschwindigkeit in die Transformation der Unternehmen. Die brauchen sie jetzt auch dringend, denn sie müssen sich ja entsprechend der neuen EU-Gesetze ausrichten. Dafür reicht ein Reporting allein eben nicht mehr aus. Mit Planning Analytics und Watson gelingt das.

Müssen Unternehmen hierfür denn in Bezug auf Technik oder Daten gewisse Voraussetzungen erfüllen?

Die wichtigste Voraussetzung ist die Bereitschaft, sich mit diesem Thema zu beschäftigen, egal ob KMU oder Global Player. Über 90 Prozent aller Unternehmen haben schon eine Nachhaltigkeitsstrategie definiert, aber nur 35 Prozent setzen davon aktiv etwas um. Das hat unsere aktuellste Studie ergeben. Das ist ein massiver Gap. Da muss schleunigst mehr passieren, sonst wird es tatsächlich sehr teuer.

Wir demonstrieren den Unternehmen, dass das Thema Nachhaltigkeit mit unseren Technologien kosteneffizient, energieeffizient und vor allen Dingen mit Wirkung vorangebracht werden kann.

Was unterscheidet die Vorreiter von den anderen? Was machen sie richtig?

Also wenn du von Vorreitern sprichst, die wirklich schon weit in der Umsetzung sind, dann reden wir nur noch über 13 Prozent der Unternehmen. Was sie grundlegend von allen anderen unterscheidet, ist die Erkenntnis, dass Nachhaltigkeit keine Bremse, sondern ein Turbo für ihre digitale Transformation, also ein Twin-Turbo, ist.

Und führt dieser Turbo auch zu einem wirtschaftlichen Booster?

Oh ja, das ist eine riesige Business Opportunity! Wo andere nur gesetzliche Anforderungen erfüllen, richten diese Vorreiter bereits ihre Produkte und Services neu aus. Ob das der vegane Turnschuh von Giesswein ist, der energiesparende Mini-Kühlschrank von Siemens, oder die Plattform der Commerzbank, die ihren Unternehmenskunden gleich eine Nachhaltigkeitsberatung zur Finzierungsberatung dazu anbietet. So entstehen ganz neue Geschäftsmodelle und das ist ja das Gute daran: Dass die Verknüpfung von nachhaltiger und digitaler Transformation die Unternehmen zu Gewinnern macht! 

Das klingt fast, als ob Technologie auf einen Schlag alle Probleme löst?!

Auf keinen Fall! Der größte Irrglaube ist, dass da eine Technologie um die Ecke kommt, die die Margen optimiert, das Nachhaltigkeitsthema löst, das Klima rettet, und wir müssen nichts mehr tun. Eine solche Technikgläubigkeit wäre fatal. Das sage ich als Vertreterin von IBM, die ja für Technologie steht. Vielleicht kommt dieser technologische Durchbruch irgendwann, aber sicher nicht zu der Zeit, zu der wir diesen bräuchten. Darum bringt es nichts, darauf zu warten. 

Gleichwohl gibt es erprobte Technologien, wie die bereits genannten: Blockchain und KI, die bereit sind. Ready to go! Und zwar sofort. Wir müssen JETZT Einfluss nehmen.

Wie nachhaltig ist denn der Einsatz von Technologien selbst? Einen blauen Engel für Software gibt es ja noch nicht.

Das ist vollkommen richtig, es gibt noch keinen blauen Engel für die Software, aber wir haben eine große globale Initiative bei der IBM, die nennt sich „Responsible Computing“ und beschäftigt sich genau mit diesen Fragestellungen, wie nachhaltig unser Computing ist. Die große Frage ist ja: Welche Energiequellen nutze ich eigentlich? Wie nachhaltig sind diese? 

Wenn wir die Data-Center von Kunden optimieren, holen wir mindestens 50 Prozent der Emissionen heraus. Wenn zum Beispiel die Sonne in Texas scheint, wird das Data Center in Texas genutzt, weil das über Solarpanels läuft. Und wenn der Wind gerade gut ist in Norwegen, dann wird darüber die Energie gezogen.

Auch die Blockchain wird kontinuierlich weiterentwickelt, so dass immer weniger Energie gebraucht wird. Wir haben sehr hohe Ansprüche an unsere Blockchains und entwickeln sie ständig so weiter, dass der Energieverbrauch reduziert und die Effizienz optimiert wird.

Es gibt auch schwarze Schafe, die nur Greenwashing betreiben und ihre Produkte nachhaltiger verkaufen, als sie sind.

…das zieht sich sogar bis in die Nachhaltigkeitsberichte. Ich weiß aus Untersuchungen, dass 40 Prozent der Klimaberichte nicht compliant sind, das heißt die vorgeschriebenen Richtlinien verletzen. Aber das Thema Greenwashing wird sich bald erledigen. Was auf Unternehmen in der EU gesetzlich zukommt, ist knüppelhart. Das geht bei der Überprüfung los, bis hin zu geschützten Begriffen, die aktuell als Gesetzesentwurf vorliegen. Was dann umweltfreundlich hieße, müsste es in Zukunft auch nachweislich sein. Und da sind wir wieder beim Thema datenbasierte Transparenz.

Also Nachhaltigkeitsberichte zu verfälschen ist schon ein anderes Kaliber als ein grün geschöntes Marketing. Wenn ersteres herauskommt, führt das doch zu immensen Reputationsverlusten? 

Nicht nur das – es wird auch immens teuer, weil die Berichte mit den neuen Gesetzen nun überprüft werden und natürlich auch Investoren sehr genau kontrollieren, ob in dem ‚grünen’ Investitionsobjekt tatsächlich ‚grün‘ steckt. Die Ironie ist, dass die mangelnde Compliance in Berichten häufig auch auf mangelnde Kompetenz und auf Unprofessionalität zurückzuführen ist. Da werden irgendwelche Daten aus verschiedenen Unternehmensbereichen in Excel geschätzt und dann in der Mega-Excel fehlerhaft zusammengeführt. So etwas wäre völlig vermeidbar. Genau hier lässt sich so gut und einfach mit unseren Technologien ansetzen. Das Thema muss einfach ernst genommen werden.

Somit liegt die nächste Frage auf der Hand: Wo sollte das Thema im Unternehmen verankert sein, damit es ernsthaft angegangen wird?

Also ich kenne keine erfolgreiche Firma, in der der CEO sagt: „Das ist nicht mein Thema, sprechen Sie dafür mit der Marketing- oder CSR-Abteilung“. Das Thema ist so extrem multidisziplinär und interdisziplinär, das erfordert die Zusammenarbeit aller Abteilungen. Und die Herausforderung besteht darin, bei dem Thema Nachhaltigkeit auch alle in eine wirksame Zusammenarbeit zu bekommen.

Es wird kein ordentlicher Report rauskommen, der veröffentlicht werden kann, wenn ich nicht alle verschiedenen Akteure im Unternehmen zusammenführe: Die gesamte Entscheiderebene im Unternehmen, vom CEO über den CFO bis zum CIO. Und natürlich die jeweiligen Bereiche. Das ist einer der Knackpunkte.

Was, wenn du die Möglichkeit hättest, irgendwo den Schalter umzulegen oder dran zu drehen? Was wäre das?

Meiner Ansicht nach sind wir ganz gut dabei, den Gap von der Gesetzgebung her zu schließen. Das ist wirklich beeindruckend und historisch, was auf der EU-Ebene jetzt für eine Gesetzgebung auf den Weg kommt. Die größten Emittenten sind ja nicht die Endverbraucher, sondern Unternehmen, insbesondere Stahl-, Auto- und Energieproduzenten. Hier müssen wir die Transformation beschleunigen. Und hier würde ich gern die Schalter umlegen können. Aber wir wissen, dass es lange dauert, das in allen Produktionsbereichen entsprechend umzusetzen. 

Trotzdem haben wir nur dieses Jahrzehnt. Ein ganz wichtiger Punkt ist deshalb, starke Industrieallianzen zu bilden, um voneinander zu lernen. Wir sind als IBM sozusagen die Schnittstelle zwischen den Unternehmen und tragen natürlich die Best-Practices auch mit zu den jeweiligen Kunden.  

Diese Allianzen können ein ganz großer Hebel sein. Und ich spreche jetzt gerade vom europäischen Raum. Vielmehr muss natürlich noch in den Regionen angesetzt werden, die einfach noch gar nicht so weit in ihrer Entwicklung sind. Da sehe ich noch mal eine ganz andere Aufgabe für die globalen Unternehmen, den Gap zu schließen. 
Hier sind wir Vorreiter und das ist auch gut so! 

Und der Gap auf der Individual-Ebene? Ich weiß, du selbst hast noch nie ein Auto besessen  was motiviert dich als Mensch, den eigenen Action-Value-Gap zu schließen?

Ich liebe Natur und Bewegung. Ich fahre schon immer Fahrrad, laufe und schwimme lange Strecken. Das macht mich happy. Mein Eindruck ist, dass das für viele Menschen gilt, die sich sehr stark für das Thema Nachhaltigkeit engagieren. Sie sind durch die Bank weg Nature-Lover – und definitiv keine Couch Potatos. Sie leben und sie leiden mit der Natur. Daher holen sie auch ihre Energie. Wir sind Teil der Natur. Es geht mir selbst und allen um mich herum besser, wenn ich Dinge tue, die auch für den Planeten gut sind. Geh raus, bleib in Bewegung! Das ist mein persönlicher Life Hack – und macht mich als Mensch auch glücklich.

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